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theater und medien

Nora Abdel-Maksoud:

Klassenkampf im Distinktionsdschungel

Spätestens seit der Wahl zur »Nachwuchs-Regisseurin des Jahres« ist die Autorin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud in aller Munde. In der Jury-Begründung zum Kurt-Hübner-Preis für Regie 2017schreibt Peter Kümmel über ihre Arbeit THE MAKING OF: »Die Aufführung platzt schier vor Künstlichkeit, sie verhandelt Abgründe an der äußersten Oberfläche, man könnte an Commedia dell'Arte denken – ›The Making-of‹ ist eine Commedia dell‘Arte fürs Serienzeitalter, zum Platzen affektiert, eitel, verlogen, selbstverliebt, selbstmitleidig, verlegen, betreten, kindlich. Aber vermutlich wahr. Und auf eine Art dann doch übermütig und Mut machend, die im deutschen Theater sehr selten ist.«

Nun feiert die Presse Abdel-Maksouds aktuelles Stück CAFÉ POPULAIRE, das sie für das Theater am Neumarkt in Zürich geschrieben und inszeniert hat. Auf nachtkritik ist die Inszenierung in die nachtkritik-Charts eingestiegen. Mirja Gabathuler schreibt: »Wer glaubt, der Klassenbegriff sei überholt, den läßt Nora Abdel-Maksoud genüßlich auflaufen. Das Stück spielt mit der Bequemlichkeit des Publikums und trifft dabei so oft ins Schwarze, daß man sich am Ende des Abends nicht nur gut unterhalten, sondern auch unangenehm getroffen – sogar betroffen – fühlen kann. So entwaffnend wie entlarvend ist der Humor, der sich aus präziser Beobachtung speist. Es gibt kein Entkommen aus dem Distinktionsdschungel der Abgrenzungsneurosen, so die Botschaft des Abends. Die letzte ›Punchline‹ ist denn auch wortwörtlich gemeint: als Schlag in die Magengrube des Publikums. Ein letzter Treffer in diesem Stück, das von Hieben nach allen Seiten nur so strotzt – und das man trotzdem gleich noch einmal über sich ergehen lassen will. Das Stück lebt gerade davon, daß es dem Publikum das Gefühl lässt, alles zu durchschauen, Altbekanntes wiederzuerkennen – um ihm dann doch immer eine Wendung voraus ist, einen Schritt weiter wagt. Das macht den Abend nicht nur kurzweilig und sehr lustig, sondern auch wahnsinnig klug und vertrackter, als man zu Beginn denken könnte.«

Tobias Sedlmaier sekundiert in der NZZ und schreibt von einem »Heidenspass, den sich Abdel-Maksoud mit fehlendem Klassenbewusstsein mache«. Café Populaire setze auf die »Vielseitigkeit und Überdrehtheit seiner Schauspieler, die allesamt Klischeerollen spielen und diese zugleich brechen müssen«. Alexandra Kevdes findet im Tagesanzeiger, daß die »scharfe Chose der 35-jährigen Abdel-Maksoud etwas vom Witzigsten« sei, »was auf hiesigen Bühnen läuft. Das ist durchaus eine Ansage.«

Darja Stocker bei schaefersphilippen

Wir freuen uns außerordentlich, Darja Stocker in Zukunft als Theaterverlag und literarische Agentur vertreten zu dürfen. Die Zusammenarbeit beginnt mit dem aktuellen Auftragswerk des Theaters Basel, das die 1983 in Zürich geborene Autorin derzeit unter dem Arbeitstitel »Hundert Jahre weinen oder hundert Bomben werfen« schreibt. Mit ihrem Debütstück »Nachtblind«, das 2005 im Rahmen des Förderprogramms »Dramenprozessor« am Theater Winkelwiese in Zürich entstand, gewann sie den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und wurde zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Ihr zweiter Text »Zornig geboren« entstand 2009 im Auftrag des Maxim Gorki Theaters Berlin. Die Uraufführung fand in Recklinghausen und Berlin statt (Regie: Armin Petras). Für »REICHT ES NICHT ZU SAGEN ICH WILL LEBEN«, basierend auf Interviews mit politischen Aktivist*innen verschiedenen Alters sowie unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung, erhielt sie 2012 mit der Co-Autorin Claudia Grehn ihre zweite Einladung zu den Mülheimer Theatertagen. Seit 2012 recherchiert sie zu Widerstandsbewegungen in Deutschland, der Schweiz, Kuba, Ägypten und Tunesien. Diese Erfahrungen und Begegnungen hat sie unter anderem in dem Text »Nirgends in Friede. Antigone.« verarbeitet, über dessen Uraufführung am Theater Basel die NZZ 2015 begeistert schrieb: »Kann man ein Stück radikaler umschreiben – und ihm im Kern dennoch so treu bleiben? Wann zuletzt war ein zweieinhalbtausendjähriger Stoff mit so viel packender Gegenwärtigkeit aufgeladen?« Wir sind froh, diese gleichermaßen literarisch versierte wie politisch engagierte und meinungsstarke Autorin von nun an vertreten zu dürfen.

Verlagswechsel: Willkommen, Katja Brunner

Die Freude ist groß über unsere neue Zusammenarbeit mit der Autorin Katja Brunner. Das erste gemeinsame Projekt ist ihr aktuelles Stück DIE HAND IST EIN EINSAMER JÄGER (noch frei zur Uraufführung), in dem die Dramatikerin über »Frauenkörper« schreibt: über weiblich identifizierte Existenzen als Anschauungsmaterial und Ausstellungsobjekte, Wunschvorstellungen, Projektionsflächen und Kampfplätze. Der Text ist ein drängender und dabei poetischer Appell für Solidarität jenseits typisierender Vereinheitlichungen, eine mehrstimmige und vielgestaltige Kampfansage an Deutungshoheiten, Vermessungsstrategien und Weiblichkeitsideale. Brunners Sprache tritt hier mal als selbständige Akteurin auf, mal als Material, aus dem Verletzungen bestehen, nicht zuletzt aber als das zentrale Instrument, mit dem ihre Figuren der Versuchung der Kapitulation widerstehen. Geboren 1991, studierte Katja Brunner Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Biel/Bienne und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Spätestens seit 2013 spielt sie für die deutschsprachige Theaterwelt eine entscheidende Rolle: In diesem Jahr erhielt sie für ihr Debütstück »von den beinen zu kurz« den Mülheimer Dramatikerpreis, war mit ihrem Stück »die hölle ist auch nur eine sauna« zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und wurde in der Kritiker*innenumfrage von Theater Heute zur Nachwuchsautorin des Jahres gewählt. Im Dezember 2017 wurde zuletzt das Auftragswerk »DEN SCHLÄCHTERN IST KALT oder OHLALAHELVETIA« am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Wir sind sicher, daß diese Autorin weiterhin eine besondere und wesentliche Stimme in der deutschsprachigen Dramatik sein wird, und freuen uns, sie als Verlag zu begleiten. (Die Rechte an den früheren Texten von Katja Brunner werden weiterhin von Henschel Schauspiel vertreten.)

Olga Bach: deutsche Pathologie in Basel

Mit ihren beiden Stücken DIE VERNICHTUNG (eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen und zum Berliner Theatertreffen 2017) und DAS ERBE wurde Olga Bach 2017 zur »Nachwuchsautorin des Jahres« gekürt. Nun hat die junge Berliner Autorin ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Ersan Mondtag in Basel fortgesetzt. Dabei herausgekommen ist die verstörende Familien-Saga KASPAR HAUSER & SÖHNE, mit der Bach nichts geringeres als den Versuch unternimmt, eine sich über das vergangene Jahrhundert erstreckende deutsche Pathologie, eine horrorhafte Buddenbrocksche Anomalie, zu entwerfen. Für ihre Auseinandersetzung mit dem Kaspar-Hauser-Stoff und dessen Umsiedlung in das 20. Jahrhundert entwirft Bach die zersetzende Welt einer lieblosen genealogischen Zusammenrottung, ein hermetisch verschlossenes und durch die Auswüchse familiärer Hierarchien abgestecktes Territorium, in dem jede Geste zum Schlag zu werden droht. Für ihre Kaspar-Figuren entwickelt die Autorin eine eigentümliche und verstörende Sprache, die die Unbewohnbarkeit der Wörter, über die man nicht verfügt, vor Augen führt. Mit einer Fortschreibung des Kaspar-Hauser-Stoffes bis in die Gegenwart erzählt ihr Text von den Grausamkeiten der Tradition, zementiert durch Sprache und Namen. Der Text versucht sich dabei nicht an einer Aktualisierung der rätselhaften Figur des Kaspar Hausers, vielmehr folgt er ihren Auswüchsen durch die Zeit und vertieft die Frage nach einer Schuld ohne Ursprung aber mit scheinbar zwingender Kontinuität.

Neuigkeiten
Förderpreis für Jessica Glause

Jessica Glause erhält 2018 den Förderpreis für Theater der Stadt München. Die Jury unter dem Vorsitz von Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers ehrt Glause dafür, daß sie »die Dramen der Realität in packende theatrale Erzählungen verwandeln kann«. In München hat sie zuletzt an der Bayerischen Staatsoper mit Jugendlichen mit und ohne Fluchterfahrung die Abende NOAH und MOSES entwickelt. Anfang Mai 2018 hatte ihre Inszenierung »MIUNIKH– DAMASKUS mit dem Open Border Ensemble der Kammerspiele Premiere, das damit erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. »Menschen und Künstler wie sie, die immer wieder neue Brücken schlagen zwischen Kunst und realem Leben«, heißt es in der Begründung weiter, »braucht man heute ganz besonders.« Wir gratulieren!

Grandios unterhaltsam: die SZ schwärmt für Jaroslav Rudiš

Zum ersten Mal veröffentlicht »der grandios unterhaltsame tschechische Schriftsteller« Jaroslav Rudiš Texte, die er auf Deutsch geschrieben hat: »skurrile Erzählungen, die Schwejk gefallen hätten«. Die Süddeutsche bezeichnet Rudiš neben Milan Kundera und Jáchym Topol den »bekanntesten tschechischen Gegenwartsautor«. Rudiš. dessen NATIONALSTRAßE derzeit am Staatsschauspiel Dresden, am Theater Bremen und demnächst auch am Theater Aachen inszeniert wird, hat unter dem Titel »Der Besuch von Herrn Horváth« 8 kurze unbedingt lesenswerte Geschichten bei der Edition Thannhäuser veröffentlicht.

Miunikh - Damaskus: Jessica Glause an den Kammerspielen

Zwei Städte. München und Damaskus. Erzählend flanieren die SchauspielerInnen des Open Border Ensembles zwischen beiden Orten hin und her und verschmelzen ihre Erinnerungen mit der Gegenwart. Sie schaffen eine vorgestellte Stadt, in der es keine Grenzen mehr gibt zwischen dem, was man sieht, und dem, was verborgen liegt. Auf einer mobilen Bühne inszeniert Jessica Glause ihre Stückentwicklung ab dem 4. Mai auf Marktplätzen und vor Gemeindezentren und trägt damit die Arbeit des Open Border Ensembles in die Stadt hinaus. Unterstützt wird sie dabei auch von dem Musiker Benedikt Brachtel

Milo Rau: Start einer neuen Trilogie beim Kunsten Festival in Brüssel

Als »Meisterwerk« (Standaard), »Hammerschlag« (De Morgen) und »Theatergeschichte«, die geschrieben werde (La Libre Belgique) beschreibt die belgische Presse Milo Raus neues Stück DIE WIEDERHOLUNG, das im Rahmen des Kunstenfestivaldesarts am 4. Mai 2018 am Théâtre National Wallonie-Bruxelles uraufgeführt wurde. Der erste Teil der von Rau kuratierten Serie „Histoire(s) du théâtre“ geht von einem Verbrechen aus, das sich in einer Nacht im April 2012 im belgischen Lüttich ereignete und die ganze Stadt erschütterte. Der 32jährige Ihsane Jarfi kam an einer Straßenecke vor einem Homosexuellen-Club ins Gespräch mit einer Gruppe von jungen Männern. Zwei Wochen später wurde er an einem Waldrand tot aufgefunden. Er war stundenlang gefoltert worden. Gemeinsam mit seinen Schauspielern begibt Rau sich auf die Spur des Kapitalverbrechens in Form einer multiperspektivischen Erzählung und sucht nach den grundlegenden Emotionen der tragischen Erfahrung. Sechs Schauspieler und Laien sinnieren über den Glanz und die Abgründe von Leben und Theater und schlüpfen in die Rollen der Hauptfiguren eines brutalen Mordfalls.

Clemens-Brentano-Preis 2018 für Philipp Stadelmaier

Wir gratulieren Philipp Stadelmaier! Mit seinem Essay »Die mittleren Regionen. Über Terror und Meinung« hat Philipp Stadelmaier den mit 10.000 Euro dotierten Clemens-Brentano-Preis gewonnen. Sein Essay ist als Reaktion auf die Anschläge in Paris 2015 entstanden und nimmt in Form eines Tagebuchs eine polemische Dekonstruktion der Konzepte ›Meinung‹ bzw. ›Meinungsfreiheit‹, ›Karikatur‹ und ›Terror‹ vor. Die Jury meint: »Die chronologisch geordneten Aufzeichnungen meditieren über unsere Möglichkeit, jenseits von Stereotypen auf Terror zu reagieren. Die Leichtigkeit und Eleganz von Stadelmaiers Prosa verhindert das Einrasten von gängigen Antworten. Das Denken selbst wird hier transparent.« Zuletzt stellte Stadelmaier sein Debütstück VANISHING POINTS fertig.

Das Kongo Tribunal wird zur Institution

Für »Das Kongo Tribunal« hat Milo Rau die Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokriegs zu einem einzigartigen zivilen Volkstribunal im Ostkongo versammelt. The Guardian bezeichnete diese künstlerische Intervention als das »ambitionierteste politische Theaterprojekt aller Zeiten«. Unter dem Motto »Schaffen wir zwei, drei, viele Kongo Tribunale« ist nun geplant, gemeinsam mit einer Gruppe kongolesischer und europäischer Jurist*innen, Menschenrechtler*innen und Journalist*innen eine Institution einzurichten, die im Ostkongo nach dem Modell von »Das Kongo Tribunal« mit einer Reihe von lokalen zivilgesellschaftlichen Tribunalen die Massen- und Wirtschaftsverbrechen in der Region aufarbeiten soll. Bei der Auftaktveranstaltung zu dieser Initiative in der Berliner Akademie der Künste diskutierten Sylvestre Bisimwa, Wolfgang Kaleck, Fiston Mwanza Mujila, Milo Rau und Klaus Theweleit. Mehr Informationen zu den Initiator*innen, der Organisation und den Zielsetzungen finden Sie hier.