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theater und medien

Björn Bicker: Das letzte Parlament

Ein ganzes Parlament im Museum.

In diesen Zeiten.

Passender könnte man es nicht erfinden.

Tatsächlich residiert der rheinland-pfälzische Landtag derzeit im Mainzer Landesmuseum, während das eigentliche Parlamentsgebäude saniert wird.

Ist unsere parlamentarische Demokratie nicht selbst ein hoffnungsloser Sanierungsfall?

Björn Bicker hat über einen Zeitraum von anderthalb Jahren Politiker*innen und Mitarbeiter*innen des Mainzer Landtags bei ihrer Arbeit begleitet. Er hat Debatten beobachtet, Ausschussitzungen besucht und Hintergrundgespräche geführt. Eine Reise, die ihn von der verunsicherten bürgerlichen Mitte bis an die rechten Ränder des Spektrums geführt hat. SPD, DIE GRÜNEN, CDU, FDP, AFD: mit allen hat er gesprochen und sie selbst nach ihren Vorstellungen von der Zukunft der Demokratie befragt.

Es ächzt im Gebälk, die Prozesse des demokratischen Miteinanders sind mühsam, sie wirken oft lächerlich und sind allesamt ermüdend. Und während vor dem Plenarsaal Schüler um den Erhalt ihrer ländlich gelegenen Zwergschule streiten, wollen andere die ganz großen Schlachten um das europäische Abendland schlagen. Eine blinde Stenografin fungiert als schwindendes Gedächtnis und Gewissen und erinnert an die ersten Schritte einer jungen Nachkriegsdemokratie, derweil sich im Parlament die Geister vergangener Legislaturperioden unauflösbar verstritten haben. Auf den Rängen johlt und feixt das Volk, und im Zuschauerraum wächst die Sehnsucht nach dem großen Schnitt. Ist das der Abgesang? 

Mit geradezu antiker Wucht und viel Humor malt das Stück ein Bild vom offenen Ende unserer Demokratie. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

Björn Bicker hat sich in den vergangenen Jahren mit den großen Fragen unserer Gegenwart auseinandergesetzt. Er hat Theatertexte über Religion, Migration, Teilhabe und Ausschluss geschrieben. DAS LETZTE PARLAMENT ist ein weiterer großer und radikaler Wurf.

Es geht um Zustand und Zukunft unserer Demokratie und - wie immer bei Björn Bicker - auch um die Frage, wie wir in Zeiten von schwindender Empathie und viralem Populismus weiter miteinander reden wollen. 

Die Uraufführung des Stückes, ein Auftragswerk des Staatstheaters Mainz, findet am 28. August in der Regie von Brit Bartkowiak statt.

Nora Abdel-Maksoud: Distinktion und Klasse

Seit der Wahl zur »Nachwuchs-Regisseurin des Jahres« ist die Autorin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud in aller Munde. In der Jury-Begründung zum Kurt-Hübner-Preis für Regie 2017 schreibt Peter Kümmel über ihre Arbeit THE MAKING OF: »Die Aufführung platzt schier vor Künstlichkeit, sie verhandelt Abgründe an der äußersten Oberfläche – ›The Making-of‹ ist eine Commedia dell‘Arte fürs Serienzeitalter, zum Platzen affektiert, eitel, verlogen, selbstverliebt, selbstmitleidig, verlegen, betreten, kindlich. Aber vermutlich wahr. Und auf eine Art dann doch übermütig und Mut machend, die im deutschen Theater sehr selten ist.« Nun feiert die Presse Abdel-Maksouds aktuelles Stück CAFÉ POPULAIRE, das sie für das Theater am Neumarkt in Zürich geschrieben und inszeniert hat. Auf nachtkritik ist die Inszenierung in die nachtkritik-Charts eingestiegen. Mirja Gabathuler schreibt: »Wer glaubt, der Klassenbegriff sei überholt, den läßt Abdel-Maksoud genüßlich auflaufen. Das Stück spielt mit der Bequemlichkeit des Publikums und trifft dabei so oft ins Schwarze, daß man sich am Ende des Abends nicht nur gut unterhalten, sondern auch unangenehm getroffen – sogar betroffen – fühlen kann. So entwaffnend wie entlarvend ist der Humor, der sich aus präziser Beobachtung speist. Es gibt kein Entkommen aus dem Distinktionsdschungel der Abgrenzungsneurosen, so die Botschaft des Abends.« Tobias Sedlmaier sekundiert in der NZZ und schreibt von einem »Heidenspass, den sich Abdel-Maksoud mit fehlendem Klassenbewusstsein mache«. Café Populaire setze auf die »Vielseitigkeit und Überdrehtheit seiner Schauspieler, die allesamt Klischeerollen spielen und diese zugleich brechen müssen«. Alexandra Kevdes findet im Tagesanzeiger, daß die »scharfe Chose der 35-jährigen Abdel-Maksoud etwas vom Witzigsten« sei, »was auf hiesigen Bühnen läuft. Das ist durchaus eine Ansage.«

Verlagswechsel: Willkommen, Katja Brunner

Die Freude ist groß über unsere neue Zusammenarbeit mit der Autorin Katja Brunner. Das erste gemeinsame Projekt ist ihr aktuelles Stück DIE HAND IST EIN EINSAMER JÄGER (noch frei zur Uraufführung), in dem die Dramatikerin über »Frauenkörper« schreibt: über weiblich identifizierte Existenzen als Anschauungsmaterial und Ausstellungsobjekte, Wunschvorstellungen, Projektionsflächen und Kampfplätze. Der Text ist ein drängender und dabei poetischer Appell für Solidarität jenseits typisierender Vereinheitlichungen, eine mehrstimmige und vielgestaltige Kampfansage an Deutungshoheiten, Vermessungsstrategien und Weiblichkeitsideale. Brunners Sprache tritt hier mal als selbständige Akteurin auf, mal als Material, aus dem Verletzungen bestehen, nicht zuletzt aber als das zentrale Instrument, mit dem ihre Figuren der Versuchung der Kapitulation widerstehen. Geboren 1991, studierte Katja Brunner Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Biel/Bienne und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Spätestens seit 2013 spielt sie für die deutschsprachige Theaterwelt eine entscheidende Rolle: In diesem Jahr erhielt sie für ihr Debütstück »von den beinen zu kurz« den Mülheimer Dramatikerpreis, war mit ihrem Stück »die hölle ist auch nur eine sauna« zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und wurde in der Kritiker*innenumfrage von Theater Heute zur Nachwuchsautorin des Jahres gewählt. Im Dezember 2017 wurde zuletzt das Auftragswerk »DEN SCHLÄCHTERN IST KALT oder OHLALAHELVETIA« am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Wir sind sicher, daß diese Autorin weiterhin eine besondere und wesentliche Stimme in der deutschsprachigen Dramatik sein wird, und freuen uns, sie als Verlag zu begleiten. (Die Rechte an den früheren Texten von Katja Brunner werden weiterhin von Henschel Schauspiel vertreten.)

Falk Richter bei schaefersphilippen

Wir freuen uns außerordentlich, mit Falk Richter ab sofort einen Regisseur vertreten zu dürfen, der das deutschsprachige und europäische Theater der letzten 20 Jahre entscheidend mitgeprägt hat. Falk Richter inszeniert seit 1996 an zahlreichen nationalen und internationalen Theatern, u. a. dem Schauspiel Frankfurt, dem Schauspielhaus Düsseldorf, dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, dem Maxim Gorki Theater, der Berliner Schaubühne, dem Schauspielhaus Zürich, der Hamburgischen Staatsoper, der Wiener Staatsoper sowie dem Nationaltheater Oslo, der Toneelgroep Amsterdam, dem Théâtre National Strasbourg und dem Théâtre National de Bruxelles. Zudem arbeitete er für verschiedene Festivals wie die Ruhrtriennale, die Salzburger Festspiele und das Festival d’Avignon. Mit seiner aktuellen Arbeit »Am Königsweg« von Elfriede Jelinek wurde er zum 55. Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Inszenierung war zudem im Rahmen der Mülheimer Theatertage zu sehen. Sein Hauptdarsteller Benny Claessens erhielt für seine Darstellung in der Produktion den Alfred-Kerr-Darstellerpreis. Richters neuere Texte und Inszenierungen setzen sich mit Fragen der Zugehörigkeit, Identität und Herkunft auseinander und thematisieren die politischen und sozialen Spannungen in den von Migrationsbewegungen, Postkolonialismus, Abstiegsängsten und Radikalismus geprägten komplexen europäischen Gesellschaften. In der kommenden Spielzeit inszeniert Falk Richter am Royal Dramaten in Stockholm, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg sowie am Théâtre National de Strasbourg und am Théâtre Odéon in Paris.

Neuigkeiten
Ulrich Rasche in Salzburg

In Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt zeigen die Salzburger Festspiele »Die Perser« von Aischylos in einer Neuinszenierung von Ulrich Rasche. Die Premiere findet am 18. August statt, ab dem 23. September zieht die Inszenierung nach Frankfurt weiter. Seine Dramaturgin Marion Tiedtke schreibt über den Regisseur: »Ulrich Rasche zählt zu den wichtigsten Regisseuren seiner Generation. Er vereint durch seine beeindruckenden Chorarbeiten und Bühnenbilder auf einzigartige Weise Raum, Bewegung, Musik und Sprache in einem schauspielerischen Vorgang. Seine Inszenierungen sind wie Oratorien, in denen trotz unserer hochtechnisierten, säkularen Welt eine archaische Kraft hervortritt.« Zuletzt wurde Ulrich Rasche zweimal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Milo Rau triumphiert in Avignon

»Die Produktion, die die Debatten in Avignon dominierte« (New York Times) und »ohne Zweifel der grösste Moment des Festivals« (Le Figaro): DIE WIEDERHOLUNG, die neueste Produktion des IIPM, liess »Avignon stehend K.O. gehen« (Franceinfo). Ein »außergewöhnlich reifes, kristallines, fesselndes und unwiderstehliches Theaterstück«, urteilte der englische Guardian, die französische Tageszeitung Libération schrieb: »Diese ergreifende Tragödie ist eine meisterhafte Demonstration dessen, was Theater leisten kann.« Mit DIE WIEDERHOLUNG liefert Milo Rau, der am 28. September mit LAM GODS seine erste Saison als künstlerischer Leiter des belgischen NTGent eröffnen wird, ein erstes Stück, das ganz auf den 10 Regeln des Genter Manifests beruht. Mit einem Katalog frischer "Reinheitsgebote" will Milo Rau die "Befreiung des Stadttheaters" und ein "Stadttheater der Zukunft" herbeibeschwören", so fasst es das deutsche Magazin DER SPIEGEL in einer grossen Reportage zusammen. Das englische Husk-Magazine spricht gar von einer "Revolution", die mit dem Manifest nach Gent komme, während die französische Libération den Sinn des "Genter Manifests" wie folgt skizziert: »Wenn wir nicht die Marionetten unserer Epoche sein wollen, dann müssen wir die Schnüre der Automatismen und Bequemlichkeiten kappen.«

Förderpreis für Jessica Glause

Jessica Glause erhält 2018 den Förderpreis für Theater der Stadt München. Die Jury unter dem Vorsitz von Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers ehrt Glause dafür, daß sie »die Dramen der Realität in packende theatrale Erzählungen verwandeln kann«. In München hat sie zuletzt an der Bayerischen Staatsoper mit Jugendlichen mit und ohne Fluchterfahrung die Abende NOAH und MOSES entwickelt. Anfang Mai 2018 hatte ihre Inszenierung »MIUNIKH– DAMASKUS mit dem Open Border Ensemble der Kammerspiele Premiere, das damit erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. »Menschen und Künstler wie sie, die immer wieder neue Brücken schlagen zwischen Kunst und realem Leben«, heißt es in der Begründung weiter, »braucht man heute ganz besonders.« Wir gratulieren!

Clemens-Brentano-Preis 2018 für Philipp Stadelmaier

Wir gratulieren Philipp Stadelmaier! Mit seinem Essay »Die mittleren Regionen. Über Terror und Meinung« hat Philipp Stadelmaier den mit 10.000 Euro dotierten Clemens-Brentano-Preis gewonnen. Sein Essay ist als Reaktion auf die Anschläge in Paris 2015 entstanden und nimmt in Form eines Tagebuchs eine polemische Dekonstruktion der Konzepte ›Meinung‹ bzw. ›Meinungsfreiheit‹, ›Karikatur‹ und ›Terror‹ vor. Die Jury meint: »Die chronologisch geordneten Aufzeichnungen meditieren über unsere Möglichkeit, jenseits von Stereotypen auf Terror zu reagieren. Die Leichtigkeit und Eleganz von Stadelmaiers Prosa verhindert das Einrasten von gängigen Antworten. Das Denken selbst wird hier transparent.« Zuletzt stellte Stadelmaier sein Debütstück VANISHING POINTS fertig.