KontaktImpressumDatenschutz
theater und medien
Theater, Uraufführung: 27.4.2018, Regie: Nora Abdel-Maksoud
Bild1 Bild2 Bild3 Bild4 Bild5 Bild6 Bild7 Bild8
Synopsis

In der Kleinstadt Blinden steht das Gasthaus zur Goldenen Möwe. Aus der guten alten Zeit, in der oben und unten, links und rechts noch Orientierung gaben, hat es sich seinen Ruf als kulturelles Zentrum der Stadt und Treffpunkt der Blindener Arbeiter herübergerettet. Nur ist die Möwe in die Jahre gekommen. Klassen gibt es offiziell nicht mehr. Und wer geht für ein bisschen Kultur schon vor die Tür, wenn online die Welt zur Serie erklärt wird. Droht das Schicksal aller renovierungsbedürftigen Häuser: Kette, Supermarkt oder Apartmenthaus?

Ein Glück ist da Svenja, ein guter Mensch, von Beruf Hospiz-Clown, die es allerdings nicht leicht hat, mit ihren weltverbessernden Anliegen durchzudringen. Also versucht sie es mit einer Zweitkarriere als youtube-vloggerin und verbreitet Anleitungen für antidiskriminatorischen Humor. Achtung: Nur 8 Follower, 4 davon bereits verstorbene Hospizgäste.

Als Svenja von einer Neuausschreibung für die Möwe erfährt, schlägt ihre Stunde. Sie tritt den Kampf an um den zukünftigen Besitz des Gasthauses. Im Moment des wichtigsten Auftritts – dem Pitch für ihr neues Möwen-Konzept –fährt der Blitz in sie. Besser gesagt «Der Don» – eine Art Alter Ego, eine böse Abspaltung ihrer selbst, der Arme, Arbeiter, working poor, die Schwächsten der Stadt entschieden verachtet – und plötzlich steigen auch die Klickzahlen. Da kommt Freude auf, mindestens Schadenfreude – bestenfalls eine Vorstufe von Gerechtigkeit.

ZEIGENNora Abdel-Maksoud
Nora Abdel-Maksoud, geboren in München. 2012 zeigte sie am Ballhaus Naunynstraße ihr Stück HUNTING VON TRIER in eigener Regie, zudem entstand eine Hörspielfassung für Deutschlandradio Kultur. 2014 schrieb und inszenierte sie KINGS (Ballhaus Naunynstraße) und wurde damit zum Festival »radikal jung« am Münchner Volkstheater eingeladen. Es folgten Arbeiten u.a. am Maxim Gorki Theater, Berlin, am Neuen Theater Halle und am Münchner Volkstheater. 2017 wurde sie mit ihrem selbstinszenierten Stück THE MAKING OF (Maxim Gorki Theater, Berlin) erneut zum Festival »radikal jung« eingeladen. In der Kritikerumfrage von Theater Heute wurde sie zur Nachwuchsregisseurin 2017 gekürt.
Neuigkeiten
Presse
Tagesanzeiger

»Die scharfe Chose der 35-jährigen Abdel-Maksoud ist etwas vom Witzigsten, was derzeit auf hiesigen Bühnen läuft. Das ist durchaus eine Ansage.«

nachtkritik

Wer glaubt, der Klassenbegriff sei nun wirklich überholt, den läßt Nora Abdel-Maksoud genüßlich auflaufen. Ihre Stücke sind humorvolle Abrechnungen mit dem Dunstkreis der Kreativen und Kunstaffinen. ›Café Populaire‹ knüpft daran an. Das Stück spielt mit der Bequemlichkeit des Publikums und trifft dabei so oft ins Schwarze, daß man sich am Ende des Abends nicht nur gut unterhalten, sondern auch unangenehm getroffen – sogar betroffen – fühlen kann. So entwaffnend wie entlarvend ist der Humor, der sich aus präziser Beobachtung speist. Aber das Theater schwingt sich hier nicht zur moralischen Anstalt auf, sondern meint immer auch sich selbst, wenn es im Medium der Satire zur spitzzüngigen Gesellschaftskritik ausholt. Man lacht auch, weil sie erleichtert, diese Selbstironie – das Lachen über Quinoa-Salate und recyclierbare Coffee-to-Go-Becher, über die allzu bekannten Statussymbole, Meinungsfaulheiten und beiläufige Arroganz. Es gibt kein Entkommen aus dem Distinktionsdschungel der Abgrenzungsneurosen, so die Botschaft des Abends. Die letzte ›Punchline‹ ist denn auch wortwörtlich gemeint: als Schlag in die Magengrube des Publikums. Ein letzter Treffer in diesem Stück, das von Hieben nach allen Seiten nur so strotzt – und das man trotzdem gleich noch einmal über sich ergehen lassen will. Das Stück lebt gerade davon, daß es dem Publikum das Gefühl lässt, alles zu durchschauen, Altbekanntes wiederzuerkennen – um ihm dann doch immer eine Wendung voraus ist, einen Schritt weiter wagt. Das macht den Abend nicht nur kurzweilig und sehr lustig, sondern auch wahnsinnig klug und vertrackter, als man zu Beginn denken könnte.«

Süddeutsche Zeitung

»Arme Leute erkennt man in der Schweiz daran, daß sie aussehen, wie in Deutschland die Grundschullehrer. Das ist nur eine der viele bösen Pointen dieses Abends. Der Austausch der vier Schauspieler pendelt zwischen schmerzhaft wahr und wahnsinnig komisch. Klassenkampf, Generalstreik und Ruß im Arbeitergesicht? Ein verlorener Kampf, selbst in einer deutschen Provinz. In der Schweiz jedoch, wo es nie ein Proletariat gab, wirkt das Ganze noch absurder. Sich arm rechnen, für ein Gasthaus, irgendwo in der Pampa? Zum Schreien.«

NZZ

Einen Heidenspass macht sich Abdel-Maksoud mit fehlendem Klassenbewusstsein. Es tobt hier ein Klassenkampf in einem Mikrokosmos, der bezeichnenderweise Blinden heißt. Café Populaire setzt auf die Vielseitigkeit und Überdrehtheit seiner Schauspieler, die allesamt Klischeerollen spielen und diese zugleich brechen müssen. Fazit: Der Abend zwingt zur Selbstbeobachtung, ob die eigene, aber ebenso die theatrale Wahrnehmung von sozialer Realität nicht trügerisch ist.«

Aufführungen

Uraufführung:

27.4.2018, Theater Neumarkt Zürich