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theater und medien
Theater, UA: Schauspielhaus Salzburg, 13.1.2016
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Synopsis

Die vielzitierte Festung Europa fordert Opfer. Nicht nur von den Menschen, die in Nußschalen Meere überqueren, wie flüchtige Räuber über Land ziehen oder im Versteckten in ständiger Angst vor Entdeckung leben müssen. Sondern auch von jenen innerhalb der Festung, die diese Zustände nicht akzeptieren wollen und sich mit ihrem Helfen selbst in die Illegalität vorwagen.

Was für Menschen sind es, die so konsequent für ihre Überzeugungen eintreten? Ist das, was sie tun, selbstverständlich oder besonders? Und was sagt ihr Agieren über uns, die wir zusehen und maximal mal eine Online-Petition unterzeichnen?

Klar ist, sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sind Ärztinnen, Richter, Sozialarbeiter und Studentinnen; sie gehören allen Altersgruppen an und allen Schichten. Einige von ihnen waren als Aktivisten schon mehrfach straffällig; andere riskieren Beruf oder Beamtenstatus. Denn ihre Hilfe steht meist im Widerspruch zur Rechtslage oder befindet sich im Graubereich des Gesetzlichen, nämlich dort, wo menschliche Unterstützung zur Straftat wird. 

Maxi Obexer hat in ILLEGALE HELFER reale Stimmen kondensiert und zu einer dichten, literarischen Reflexionsfläche verwoben, ohne beim Dokumentarischen zu verharren. Ihr Text eröffnet eine neue Perspektive auf eine vielbeleuchtete Thematik und stellt dabei - berührend und bedrückend zugleich - die bohrende Frage nach der eigenen Haltung.

 

Aus Anlaß der Uraufführung des Stückes ILLEGALE HELFER setzte sich Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung ausführlich mit der Arbeit von Maxi Obexer auseinander. Der Artikel geriert zu einem Plädoyer für Obexers akribische, langjährige und kluge Auseinandersetzung mit dem Thema "Flucht".

»Maxi Obexer hasst das Unverbindliche. Sie ist fleißig, akribisch, auf stille Art sehr genau. Sie recherchiert. Für ihr neues Stück, ILLEGALE HELFER trug sie drei Jahre lang Material zusammen. Aber eigentlich begann die Arbeit daran vor mehr als zwölf Jahren. Damals fing Obexer an, sich mit Flüchtlingen zu beschäftigen, die nach Europa wollen. Der erste Fall, der ihr Interesse weckte: Weihnachten 1996, 283 Flüchtlinge ertrinken vor Sizilien. Fischer bergen Leichenteile, werfen sie zurück ins Meer. Die Bewohner der Küste schweigen jahrelang zu dem Vorfall, die Regierung erklärt das untergegangene Boot zum GEISTERSCHIFF. So lautete dann auch der Titel des Stücks, das Obexer darüber schrieb. Darin geht es auch um das langsame Zutagetreten der Wahrheit, um die Wiederkehr des gespenstischen Schiffes also, und auch darum, daß Fischer, die Flüchtlingen halfen, ihren Job verlieren konnten. Der Anstoß zum aktuellen Stück war aber gegeben: Wer Flüchtlingen hilft, handelt illegal. Das stimmt so zunächst natürlich nicht und würde all jene freiwilligen Helfer irritieren, die sich in den vergangenen Monaten etwa an deutschen Bahnhöfen um Flüchtlinge kümmerten. Aber es gibt viele, die ganz bewußt das Gesetz übertreten, um zu helfen. Genauer gesagt, quasi im Sinne Obexers: Sie verstoßen gegen die Gesetze der Nationalstaaten, in denen sie leben, halten sich aber an die Menschenrechte. Die tollste Figur in ihrem Stück würde man ihr nicht abnehmen, wäre sie erfunden. Es ist ein Verwaltungsrichter, der es irgendwann nicht mehr ertrug, Abschiebebescheid auf Abschiebebescheid abzustempeln. Dann kam eine Frau am Frankfurter Flughafen an, wollte nach Rom zu ihrer Tochter, doch der Bürokratie nach wäre sie, so der Richter, wohl jahrelang in verschiedenen Sammellagern festgehalten, mit Glück wegen ihres Alters irgendwann "geduldet" worden. Nach Italien aber hätte sie es nicht geschafft. Also fuhr der Richter sie mit seinem Auto selbst zu ihrer Tochter. Über zwei Grenzen, voller Angst. Danach trank er am Bahnhof in Verona vier Gläser Whisky auf ex, bat, zurückgekehrt nach Deutschland, um Versetzung und verzichtete damit auf alle möglichen Karrierechancen. Es gibt auch aufrichtige Schleuser, denn nichts anders war der Richter in diesem Moment gewesen.«

 

Ausgezeichnet mit dem Robert Geisendörfer Preis 2016

ZEIGENMaxi Obexer
Maxi Obexer studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Theaterwissenschaft in Wien und Berlin. Sie hat sich einen Namen mit politischen Stücken, Hörspielen und Essays gemacht. Ihre Stücke wurden u.a. an den Staatstheatern in Braunschweig und Dresden, am Theater Freiburg, am Theater Basel und am Theaterhaus Jena aufgeführt. Obexer lehrte Drama am Dartmouth College, USA, und ist Gastprofessorin für Szenisches Schreiben an der Berliner UdK. 2012 erschien ihr erster Roman »Wenn gefährliche Hunde lachen«. Das Stück ILLEGALE HELFER, vom WDR als Hörspiel produziert, wurde 2016 unter großer Beachtung in Salzburg und Potsdam aufgeführt. 2017 folgt mit GEHEN UND BLEIBEN ein Auftragswerk für das Hans Otto Theater in Potsdam.
Neuigkeiten
ZEIGENMaxi Obexer erhält Geisendörfer-Preis für »Illegale Helfer«

Maxi Obexer gehört in diesem Jahr zu den insgesamt 6 Preisträger(innen) des Robert Geisendörfer Preises (Medienpreis der evangelischen Kirche). Der mit 30.000 EUR dotierte Preis wird in den Kategorien Hörfunk, Fernsehen und Kinderfernsehpreis verliehen. Obexer wird für ihr Hörspiel ILLEGALE HELFER ausgezeichnet (WDR 2015, Regie: Martin Zylka). In der Begründung der Jury heißt es dazu: »Gewissensentscheidungen können auch in einem Rechtsstaat dazu führen, daß der Einzelne mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Das Hörspiel fordert zum Nachdenken darüber auf, was Mitmenschlichkeit ist und welche Konsequenzen sie haben kann. Ein wichtiges Stück zur richtigen Zeit, das grundlegende moralische Fragen aufwirft.« Wir gratulieren!

Presse
Deutschlandradio

»Das ist erstklassiges Polittheater.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Ein sinnlich-spannender Bilderbogen. Ein paar an die Wand geklebte Zettel, ein paar Umrisse von Körpern, mit Kreide hastig hingezeichnet, ein paar aggressiv schwankende, elektronisch übersteuerte Klangflächen reichen aus, um eine Atmosphäre von Gefährdung, Bedrohung, Unsicherheit und Empörung zu erzeugen. Die besonnene, klug strukturierte Inszenierung ist in ihrer unsentimentalen Akribie bedrückend – und eindrucksvoll.«

nachtkritik

»Am Ende steht deutlich im Raum: Die "Illegalen Helfer" verlassen sich nicht nur auf ihren individuellen Gerechtigkeitssinn, sondern auf den kollektiven einer offenen Gesellschaft, zum Beispiel eines Theaterpublikums. Und ihr Glaube daran ist ansteckend.«

taz

»Maxi Obexers Textvorlage stellt wichtige Fragen nach dem Verhältnis von Recht und Gesetz und entwickelt eine klare Haltung – daß nicht immer recht ist, was richtig ist, das Richtige jedoch getan werden muss, um den Menschenrechten gerecht zu werden.«

RBB Inforadio

»Es sind Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Da geht es um persönliche Betroffenheit über die Rahmenbedingungen, unter denen Geflüchtete auf ihrer Einstufung warten, da treten Menschen für individuelle Rechte gegenüber einer als Ablehnungsmaschine wahrgenommenen Bürokratie auf. Theater ist der Ort, an dem wir Debatten anders führen können als in anderen Medien, vor allem, weil wir gemeinsam uns diesen moralischen Fragen aussetzen.«

Berliner Zeitung

»Was für Menschen sind wir? Hört sich pathetisch an, ist dieser Text aber nie, der einen Richter, eine Studienrätin, eine Aktivistin vereint, die erfahren haben, wie eng und selektiv unser so freiheitliches Recht doch ist. Und wie wenig „menschlich“. Die Sachlichkeit ist das Eindringliche daran, zumal die kurz getaktete Überkreuz-Montage der Stimmen eher hindert. Die mitgelieferte Rechtslage deckt nebenbei auf, wie nationale Gesetze und internationale Menschenrechte sich gegenseitig beißen. Man lernt viel aus diesem wichtigen Stück, das Regisseurin Yvonne Groneberg mit ihren vier Sprechern nur etwas zu schwarz-weiß überzeichnet. Trotzdem: In welcher Welt leben wir?«

Medienkorrespondenz

»Maxi Obexer thematisiert Flüchtlingsschicksale und moralische Dilemmata auf eine Art und Weise, die in starkem Kontrast zur effektorientierten Ästhetik steht. Statt großer historisch-mythischer Bögen gibt es kleinteilige und genaue Einblicke in konkrete Schicksale.« (Jochen Meißner über das Hörspiel ILLEGALE HELFER, produziert vom WDR)

Salzburger Nachrichten

»Von diesem Theaterabend geht eine seltsame Irritation aus. Und dabei versammelt die Autorin Maxi Obexer in ihrem Stück "Illegale Helfer" doch lauter positive Gestalten, die freilich weniger Wohlgesonnene gerne als "Gutmenschen" desavouieren. Sie helfen selbstlos Fremden, Flüchtlingen, Einwanderern, Asylbewerbern und wissen, wie schmal der Grat zwischen Legalität und Gesetzesbruch ist. Sie tun es trotzdem, aus unterschiedlichen Gründen, mit unterschiedlichen Motiven; manche auch, weil sie sich noch an der Schuld der älteren Generation abarbeiten: die Studienrätin, der Anwalt, der Verwaltungsrichter, die Aktivistin und andere. Der Abend liefert bitter-puren Denkstoff. Neun Stimmen skizzieren repräsentativ, was man tun könnte - bei allen Selbstzweifeln. Das Theater nimmt nicht Stellung. Es zeigt nur. Alle wissen, daß etwas zu tun wäre.«

Salzburger Wochenspiegel

»Die Wortfolge von „illegale Helfer“ stellt eigentlich ein Paradoxon dar. Wie kann das positiv konnotierte „helfen“ in einem Atemzug mit „illegal“ genannt werden? Die Lösung bietet Maxi Obexers gleichnamiges Theaterstück, dessen Uraufführung Peter Arp inszenierte. „Illegale Helfer“ nähert sich der höchst aktuellen Flüchtlings-Thematik aus gänzlich neuer Perspektive. Drei Jahre lang recherchierte Maxi Obexer dafür mit Co-Autor Lars Studer und interviewte Betroffene. Aus diesen Ergebnissen entstand ein Potpourri an Impressionen, die aufrütteln. Im Fokus stehen dabei nicht die Flüchtlinge, sondern die anderen, die Helfer, die durch inhumane Gesetze in die Illegalität getrieben werden und trotzdem weiterhin helfen. Aus Prinzip. Aus Nächstenliebe. Aus Überzeugung. An diesem Abend erhalten die illegalen Helfer ein Gesicht, das sprichwörtlich aus der Dunkelheit hervortritt. Immer dann, wenn sich die Scheinwerfer auf sie richten. Schwarz angezogen stehen sie da, fast so als würden sie Trauer tragen, was dem Anlass entspräche. Die Riege der illegalen Helfer bildet eine Mauer, die an die Asylgesetze erinnert, gegen die sie sich behaupten und rebellieren. Ebenso standhaft, starr und stur werfen die Betroffenen kämpferische oder bisweilen auch resignierte Blicke in den Zuschauerraum und erheben ihre Stimme. Die Stimmung ist gedrückt, die illegalen Helfer erzählen von ihren Handlungen, Motiven und Gefahren, denen sie sich aussetzen. Da ist die Studienrätin, die sich für einen Jugendlichen einsetzt, Florian, der einen Flüchtling über die Grenze bringt und von seinen Zweifeln danach. Oder der Anwalt, der sich dem Rechtsbeistand für Flüchtlinge verschrieben hat. „Illegale Helfer“ bringt die Schicksale der anderen auf die Bühne und ermöglicht eine völlig neue Perspektive. Eine, die aufrüttelt, nachdenklich stimmt und Asylgesetze in Frage stellt. „Was, wenn mein Staat nicht menschlich ist?“ -  Der Kampf gleicht dem Davids gegen Goliath. Es ist höchste Zeit, daß David wieder einen Sieg davonträgt.«

Aufführungen

Uraufführung:

13.1.2016, Schauspielhaus Salzburg

Deutsche Erstaufführung:

Hans-Otto-Theater, Potsdam, Juni 2016