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theater und medien
Theater, UA: 24.1.2015, Theater Osnabrück, Regie: Annette Pullen
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Synopsis

Omid kommt als Student nach Deutschland. Er lernt Maria kennen, die eine Ausbildung zur Krankenschwester macht, und zieht mit ihr zusammen in eine Wohnung. Als in Omids Herkunftsland Krieg ausbricht, verschließt er sich vor seinem Leben in Deutschland, er verlässt nur noch nachts das Haus, er hört kein Radio, sieht kein Fernsehen mehr und spricht aus Angst vor schlechten Nachrichten nicht mehr mit seiner Mutter.

Der einzige Mensch, den Omid an sich heranlässt, ist der aus dem Krieg geflohene Sammy. Und Nini, die ungeborene Tochter von Omid und Maria, betrachtet das Geschehen: Erst bei ihrer Geburt wird sie alles vergessen haben.

Der Dramaturg Peter Helling schreibt in »Theater heute« über das Stück: Azar Mortazavi beschreibt in ihrem neuen Stück zunächst leise und sensibel eine Miniaturgesellschaft im deutschen Alltag, um Schritt für Schritt die Perspektive auf ein größeres, ein Menschheits-Thema zu weiten. Wie konnten wir annehmen, den Krieg gäbe es nur anderswo? Kriege finden in scheinbar sicherer Entfernung statt, verursachen nur ab und zu einen kleinen Erkenntnisschock beim Blick in die Abendnachrichten. Was uns mit den Kriegen der Welt jedoch umso stärker verknüpft, ist die Tatsache, dass immer sichtbarer Menschen, die den Krieg erlebt haben, mitten in unserer Gesellschaft leben, mit deutschen Pässen, das „neue deutsche Wir“ verkörpernd. Diese Menschen und ihre Nachfahren bringen ihre Geschichten mit und mit ihnen den Krieg. Nicht als terroristische Aktion, wie oft dräuend suggeriert wird, sondern als seelischen Stoff, als Thema, Sujet, als Kraft. Der Krieg kommt also zurück, wenn auch sublimiert und umgewandelt. Und hierin liegt eine Chance des Theaters. Die junge deutsche Autorin Azar Mortazavi, deren Vater aus dem Iran stammt, ist Chronistin von Schockwellen, die unseren scheinbar friedlichen Innerweltkosmos erschüttern. Sie beobachtet feine Haarrisse im Gefüge unseres Miteinanders, indem sie ganz nah auf eine Miniaturwelt zoomt, die wir alle kennen. Ihre Geschichten unter einem grauen deutschen Himmel finden in Mietskasernen, Innenhöfen, Wohnküchen, hinter Türen statt. Also gleich nebenan. »Dieses Land ist still. Die Stille setzt sich in deinen Kopf, wenn du nicht aufpasst und da bleibt sie dann sitzen, wenn du nicht zu laufen anfängst«, sagt Sammy.

ZEIGENAzar Mortazavi
Azar Mortazavi, geboren 1984, studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Für ihr Stück »Todesnachricht« wurde sie mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnet. 2011 erhielt sie den Exil-Dramatikerinnen-Preis der "Wiener Wortstaetten". Mit ihrem zweiten Stück ICH WÜNSCH MIR EINS wurde Mortazavi u.a. zum Heidelberger Stückemarkt, zu den Autorentheatertagen Berlin und zu den Mülheimer Theatertagen 2013 eingeladen. Für das Theater Osnabrück entstand das Auftragswerk SAMMY UND DIE NACHT, für die "Wiener Wortstaetten" schrieb sie das Stück ZWISCHENZEIT. Derzeit arbeitet Mortazavi an einem Roman.
Neuigkeiten
Presse
taz

»"Sammy und die Nacht" erzählt anhand einer scheiternden binationalen Liebe eindrucksvoll naturalistisch vom Fremdsein im eigenen Leben. Mortazavis Clou: Das ungeborene Kind des Paares bekommt einen Monolog, reflektiert die Situation seiner Eltern und ahnt genau das Lebensgefühl der Leila aus "Ich wünsch mir eins" voraus: in weiter Ferne so nah sich zu fühlen, in großer Nähe so fern. Migration setzt sich so als generationenlanger Abschied fort. Und so sind Mortazavis Stücke tatsächlich davor gefeit, gefühlig, sentimental und kitschig zu wirken. Weil sie die Emotionalität temperamentvoll annehmen, erzählen sie eindrucksvoll naturalistisch vom Fremdsein im eigenen Leben.«

Neue Osnabrücker Zeitung

»Wieder zoomt Azar Mortazavi die Zuschauer ganz nah heran an das tragische Einzelschicksal und die beklemmende Feinmechanik des Scheiterns. Sie lädt zur Identifikation mit beiden ein und setzt an die Stelle des Fremden und Befremdlichen die Empathie. Annette Pullen und ihr Team folgen ihr darin sehr einfühlsam und genau.«

Aufführungen

Uraufführung, 24.1.2015, Theater Osnabrück