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theater und medien
Theater, UA: 1.2.2014, Theater Freiburg, Regie: Johanna Wehner
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Synopsis

Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, populär geworden für ihren harten Umgang mit jugendlichen ≫Intensivtätern≪, hat sich im Juni 2010 das Leben genommen. Paul Brodowsky nimmt ihr migrantisch geprägtes Arbeitsumfeld Neukölln zum Ausgangsterrain, um über den gesellschaftlichen Umgang mit jugendlichen Straftätern nachzudenken: eine überlastete Jugendrichterin, die den Bezug zur Realität verliert; ein Bezirksbürgermeister im Rechtsruck; eine Tänzerin, die sich notgedrungen auf künstlerische Integrationsprojekte spezialisiert; eine alleinstehende, überschuldete Mutter – sie alle werden zu den eigentlichen Intensivtätern und die Jugendlichen selbst zur oft zitierten Leerstelle: Es wir nicht mit ihnen, sondern über sie verhandelt.

Nach REGEN IN NEUKÖLLN (2011 an der Schaubühne am Lehniner Platz uraufgeführt) kehrt Paul Brodowsky in den sogenannten Berliner Problemkiez zurück, der mittlerweile längst zum Szene-Viertel avanciert ist und von den New York Times als ›neues Brooklyn‹ gefeiert wird. Vom Boom, der die internationale Hipster-Mischpoke inspiriert, haben die Alteingesessenen freilich wenig; für die galoppierende Gentrifizierung haben u.a. die ›gemeingefährlichen Intensivtäter‹ den authentifizierten Boden bereitet, der nun weltweit vermarktet wird.

 Paul Brodowskys Stück untersucht, welche Denkschablonen und Klischeevorstellungen die populären Diskurse über jugendliche Gewalttäter prägen. Er weist dabei auf weit verbreitete Alltagsrassismen und latente Xenophobie hin, die häufig im Gewand des straight-talks, der ungeschminkten Tacheles-Rede daherkommen.

ZEIGENPaul Brodowsky
Bereits mit 22 Jahren konnte Paul Brodowsky auf die erste Veröffentlichung bei Suhrkamp zurückblicken. 2008 schrieb er für Luk Perceval eine Neubearbeitung von TROILUS UND CRESSIDA (Münchner Kammerspiele/Wiener Festwochen). Sein vielfach ausgezeichnetes Stück REGEN IN NEUKÖLLN wurde 2011 an der Schaubühne in Berlin uraufgeführt. Für das Staatstheater Stuttgart entstand im gleichen Jahr eine Neuübersetzung von Shakespeares »Maß für Maß«, die Christian Weise inszenierte. Nach LÜG MIR IN MEIN GESICHT (UA: März 2010, Theater Freiburg) war Brodowsky 2012/13 Hausautor des Theaters Freiburg. Im Februar 2014 wurde dort sein Stück INTENSIVTÄTER uraufgeführt. Paul Brodowsky ist Dozent des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin.
Neuigkeiten
Presse
nachtkritik

»In dieser schönen neuen Welt begibt sich der Chor der Mittelständler auf eine Expedition in den Tod. Der Suizid der Jugendrichterin Kirsten Heisig schafft den Rahmen für das Stück, das tiefe Einblicke in das Sozial- und Justizsystem ermöglicht. Der Autor, dessen sinnliche Sprachspiele sich vom dokumentarischen Material befreien, verknüpft Biografien jugendlicher Straftäter mit den Thesen der Richterin, die "Gewaltbereitschaft und Verrohung migrantischer Jugendlicher" anprangerte und zu deren konsequenter Verfolgung vereinfachte Strafverfahren einführte. Diese Handlungsschleifen verknüpft Johanna Wehners grandios durchkomponierte Regie zum überzeugenden Ganzen. Grenzen zwischen Opfer und Täter zerfließen. Brodowskys Sprachbilder übersetzt die Regisseurin mit der unverwechselbaren Handschrift in eine Melodie, deren dunkle Töne unter die Haut gehen.«

Südkurier

»Brodowskys „Intensivtäter“ kommt leichtfüßig und humorvoll daher. Sein Schauspiel changiert zwischen absurdem Theater, grotesker Komödie und kollektiver Ermüdung. Brodowksys Sprache ist auch Rhythmus und manches Mal fast Musik, wenn manche Sätze in die Endlosschleife geschickt werden, sich darin verheddern oder sich die Figuren in einem Sprechchor formieren. Schauplatz ist Berlin-Neukölln. Der dortige Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und die Jugendrichterin Kirsten Heisig, die in ihrem Buch „Das Ende der Geduld“ ein härteres Vorgehen gegen jugendliche Straftäter forderte und sich 2010 das Leben nahm, sind Vorbilder für die Figuren. Aber die „Jugendlichen, die sich nicht wie normale Jugendliche verhalten“, sind nicht auf der Bühne. Es geht um den Umgang mit ihnen und um die „Ängste der indigenen Bevölkerung“. Mit Witz und sprachlicher Virtuosität entlarvt Brodowsky die zementierten, latent rassistischen Denkmuster. Das brillante Schauspielensemble besticht durch perfektes Timing. Die gefühlte Bedrohungslage wird immer schlimmer, Geräusche sorgen für Panikattacken und Schnappatmung. Immer wieder werfen sich die Verängstigten auf den Boden, um sich vor vermeintlichen Angriffen zu schützen: Endzeitstimmung. Am Schluss ertönt der vielstimmige Sprechchor „Wir sind das Ghetto“ durch die Lautsprecher.«

Aufführungen

UA: 2.2.2014, Theater Freiburg