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theater und medien
Theater, UA: 7.6.2013, Staatstheater Stuttgart, Regie: Rimini Protokoll (Haug, Wetzel)
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Synopsis

»Ich falle – ICH« sind die letzten drei Worte, die in BLACK TIE gesprochen werden, dem Stück, das um das ›schwarze Loch der Identität‹ kreist, dem Stück in dem anfangs versprochen wird, daß das Wort ICH 273 mal gesagt werden wird, dem Stück in dem dieses Versprechen nicht gehalten wird, dem Stück in dem sich eine junge Frau, die Anfang der 70er Jahre aus Korea nach Deutschland adoptiert wurde, auf die biographische und genetische Suche ihrer Wurzeln macht. Mit QUALITÄTSKONTROLLE wird dieser Text fortgeschrieben, die Schattenjagd fortgesetzt. Das ICH hat sich verändert: »ICH habe nie gefragt WARUM mir das passiert ist. Warum ich vor 20 Jahren zur Feier meines Abiturs mit meinen Eltern aus Stuttgart nach Kreta flog. Warum ich in den Pool der Ferienanlage sprang – kopfüber, auf der Nichtschwimmerseite. Das war die letzte Bewegung, zu der ich meinen Körper antreiben konnte. Seitdem herrscht Funkstille zwischen uns, von den Schultern abwärts. Ich wurde von meinem Vater am Rand des Pools beatmet. Ich wurde gefragt, ob ich überhaupt leben wollte. Ich wollte unbedingt: ich wollte weitermachen. Ich lebe fröhlichen Hauptes.«

Ich werde dieses Theaterstück spielen. Es wird davon handeln, wie aus dem Abschluss der Reifeprüfung der Beginn meines Lebensweges wurde. Davon, wie sehr ich meine Schwester liebe und weshalb ich sie für einen glücklichen Menschen halte, obwohl sie im Alter von 3 Jahren aufgehört hat, sich für andere messbar geistig weiterzuentwickeln. Ich werde in diesem Stück schwimmen. Ich werde alles, was es erzählt, steuern. Alle Lichter, alle Töne, alle Worte werden von mir kommen. Ich werde die Welt bespielen und zeigen, wie sehr ich ein ganzer Mensch bin. Ich werde mit Frauen sprechen, die ein Kind erwarten, mit Genetikern, die die Qualität entstehenden Lebens testen. Ich werde mein Pflegepersonal bitten, mir einen Text anzureichen. Ich werde meiner Schwester die Bühne überlassen. Ich werde Fragen stellen dazu, was ein Mensch ist. Ich werde meine Antworten geben. Ich werde ohne technische Hilfe lachen: »Ich lache – ICH«.

 

Eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen 2014

Hörspiel-Produktion, Westdeutscher Rundfunk, 2014

Hörspiel des Monats März 2014

Deutscher Hörspielpreis 2014

 

ZEIGENRimini Protokoll (Haug/Wetzel)
Helgard Haug und Daniel Wetzel haben in Giessen Angewandte Theaterwissenschaft studiert und arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen - oft mit Stefan Kaegi - unter dem Label Rimini Protokoll. Sie gelten als die »Protagonisten und Begründer eines neuen Reality Trends auf den Bühnen« (Theater der Zeit). Seit 2000 entwickeln sie auf der Bühne und im Stadtraum ihr Experten-Theater, das Laien als Experten der Wirklichkeit ins Zentrum stellt. Ihre Produktionen gastieren weltweit. 2006 gewannen sie mit der Produktion DAS KAPITAL den Mülheimer Dramatikerpreis, 2014 wurden sie mit ihrem Stück QUALITÄTSKONTROLLE erneut nominiert. Das gleichnamige Hörspiel wurde mit dem Deutschen Hörspielpreis 2014 ausgezeichnet. In der Saison 2015/16 entstand ADOLF HITLER: MEIN KAMPF, BAND 1 & 2. Für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg folgte 2016 die aktuelle Arbeit BRAIN PROJECTS.
Neuigkeiten
ZEIGENDeutscher Hörspielpreis 2014

Der Deutsche Hörspielpreis der ARD geht an Daniel Wetzel und Helgard Haug für ihr Hörspiel »Qualitätskontrolle oder warum ich die Räusper-Taste nicht drücke«. Der Preis wurde von einer Expertenjury um den Literaturkritiker Jochen Hieber vergeben und ist mit 5.000 Euro dotiert. Die Jury begründet ihre Entscheidung wie folgt: »Das neue Stück ist ein Triumph der Sprache. Maria-Cristina kann sprechen, weil der Zwerchfellstimulator und die Lungenmaschine es ermöglichen und weil sie es will. Und weil es ein Triumph der Sprache ist, ist es auch einer des Radios. „Qualitätskontrolle" erzählt vom Nie-allein-sein-Können, von Versehrtheit, Verzweiflung, Not, emphatisch auch vom ethischen Dilemma der modernen Medizin – und wird darüber zu einer großen Eloge auf das Wagnis der Existenz. Eine durch ihre Lakonie beeindruckende Dokumentation und artistisch wie technisch brillante Inszenierung finden zu einer Synthese, die uns ergreift und beglückt.«

»Qualitätskontrolle« in Mülheim und beim WDR

Nach der Einladung mit der Produktion SITUATION ROOM (gemeinsam mit Stefan Kaegi) zum Berliner Theatertreffen sind Helgard Haug und Daniel Wetzel nun auch mit ihrem letztjährigen Stück QUALITÄTSKONTROLLE (Staatstheater Stuttgart) zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen worden. Das gelang den beiden zuletzt mit der Produktion DAS KAPITAL (2006). Aus dem Theaterstück, das sich mit dem Leben der querschnittsgelähmten Maria-Cristina Hallwachs befasst, ist im Auftrag des WDR ein Hörspiel entstanden (Ursendung am 18. März 2014). Die Protagonistin dieses Hörspiels ist bewegungslos ab dem obersten Halswirbel. Seit sie vor 20 Jahren und voller Lebenslust einen Kopfsprung in den Pool einer Ferienanlage machte und sich dabei das Genick brach, wird sie ohne Unterbrechung betreut. Für dieses Hörspiel schickt sie ihren Pfleger nach Hause um mit dem Hörer allein sein zu können. Sie delegiert Gesten und Haltungen an ihn, nimmt ihn mit in ihr akustisches Archiv, aktiviert die Stimmen ihrer Eltern und ihrer Schwester, die der Ärzte und Pfleger.

Presse
Stuttgarter Zeitung

»Sie betreiben damit spielerisch Aufklärung – und zwar auf eine Art, in der sich das Können von Rimini-Protokoll in seiner ganzen Subtilität offenbart. Auf die Bühne projizieren Haug und Wetzel ein Spielequadrat. Aktiviert werden die Felder, wenn Betreuer und Betreute sie betreten und befahren. Beim „Schiffe versenken“ rekapituliert die Protagonistin ihren Badeunfall, als auch sie gleichsam versenkt und vernichtet wurde – und beim Memory deckt sie Karten vom Schloss Grafeneck auf, in dem die Nazis psychisch Kranke und geistig Behinderte systematisch ermorden ließen. Ja, dieses Spiel memoriert tatsächlich die schreckliche Vergangenheit! Und daß die Frau im Rollstuhl diese braune „Qualitätskontrolle“ nicht bestanden hätte, liegt auf der Hand – ebenso wie die Tatsache, daß sie zusammen mit Rimini-Protokoll der eigentlich schon abgeschlossenen Weber-Ära ein weiteres Glanzlicht aufsetzt. Wenn Maria-Cristina Hallwachs vom Leben mit Querschnittslähmung erzählt, läßt sie ihr Publikum nicht gelähmt zurück. Im Gegenteil. Sie pumpt ihm im Nord neuen Lebensmut in die Adern. Trotz allem.«

Aufführungen

Uraufführung:

7. Juni 2013, Staatstheater Stuttgart