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theater und medien
Theater, 2D - 3H, UA: 25.1.2013, Theater Magdeburg, Regie: Enrico Stolzenburg
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Synopsis

Die Arbeit in der Stadtratsfraktion läuft wie geschmiert: die Hierarchien sind klar, die Aufgaben verteilt. Die einen warten auf die Pensionierung, die anderen hoffen auf einen lukrativen Posten in der Wirtschaft. Man kennt sich seit Jahren und hat sich arrangiert.

Die Maschinerie gerät ins Stocken, als sich der Politik-Novize Martin in die Abläufe einschaltet. Kurzerhand beruft er eine Sondersitzung ein: seine Fraktion soll die Errichtung einer Stele beantragen, die »an unsere Freiheit erinnern« soll. Ärgerlich genug, daß der Feierabend für eine lästige Sondersitzung herhalten muß; richtig ungemütlich aber wird es, als Martin bekannt gibt, daß die Stele just an dem Ort aufgestellt werden soll, an dem das neue Einkaufs-Center entsteht, für das sich der Fraktionsvorsitzende und Altvordere Axel ganz persönlich einsetzt.

Wer beim Zusammenprall von Idealismus und Pragmatismus die Oberhand behält, scheint schnell klar zu sein. Doch der Hausmeister hat den Sitzungssaal mit Getränkekisten zugemauert. Zum Warten verdammt, bietet sich den Parteifreunden die ungewohnte Chance zu einer Debatte jenseits der Routine. Und es wird klar, daß am Ende dieser langen Nacht nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

Kai Ivo Baulitz hat eine Polit-Komödie geschrieben, die mit Witz und Schärfe danach fragt, was wir vom politischen System der Demokratie überhaupt noch erwarten.

 

»Erinnern will der junge Mann die Bürger seiner Stadt an die Freiheit, die sie haben; und an das, was in ihnen steckt – in jedem und jeder Einzelnen, im Leben, in der Demokratie. Dafür will er eine Stele aufstellen lassen, einen Erinnerungsstein; und zwar an prominenter Stelle – exakt dort, wo die Wirtschaftsmagnaten der Gemeinde mit dem City-Center gerade eine neue Geldquelle auftun wollen. Das kann natürlich nicht abgehen ohne Blessuren – und Martin, der Polit-Novize in der Schlangengrube des Stadtrats, lernt schon im Fraktionsausschuss für Denkmalpflege und Erinnerungskultur, was eine lokalpolitische Harke ist. Kai Ivo Baulitz hat diese Fabel ziemlich giftig angeschärft; ausgerechnet zum 80. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme auch in Magdeburg entwirft er eine Polit-Farce über den verantwortungslosen Alltag unserer politisch-parlamentarischen Gegenwart, die sich doch so weit entfernt fühlt von allem totalitären Gehabe; und darum viel zu sicher.« (Michael Laages)

ZEIGENKai Ivo Baulitz
Kai Ivo Baulitz, geboren 1971 in Düsseldorf, besuchte die Westfälische Schauspielschule Bochum. Es folgten Engagements am Deutschen Theater in Göttingen und in Bochum und Wuppertal. Seine Theatertexte wurden u.a. am Schauspiel Frankfurt, Staatsschauspiel Dresden, Theater Magdeburg, Theater Oberhausen und an der Neuköllner Oper uraufgeführt. Für die Hamburger Kammerspiele hat er ein Stück über die Jazz-Legende Coco Schumann geschrieben, das seit Jahren erfolgreich tourniert. Mit Enrico Stolzenburg verbindet ihn eine kontinuierliche Zusammenarbeit, aus der verschiedene Produktionen am Theater Magdeburg und am Nationaltheater Weimar hervorgingen.
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»Man muß genau hinsehen, wenn man der Kommunalpolitik ihren eigenen Heroismus ablesen will. Etwa so wie Rimini Protokoll anno 2005 in ihrer Schiller-Adaption "Wallenstein", in der sie den von den eigenen Mannen gestürzten Stadtrat als Wiedergänger des kaiserlichen Generals vorstellten. Noch tiefer im lokalen Handgemenge erkennt man das Heldentum der Fußsoldaten, nicht in der Ausnahmesituation, sondern im Regelfall. In diesen Niederungen ist Kai Ivo Baulitz' Politsatire angesiedelt. DIE FRAKTION ist eine leichte, kluge Parabel auf demokratische Basisarbeit. Zart ausgeleuchtete Neurosengeflechte mit beständigen Koalitionswechseln, ein Ringen um Entscheidungen, vorgetragen in mühelos pointierten Dialogen, wie man sie etwas von Lutz Hübner kennt. In Enrico Stolzenburg hat Baulitz dabei einen Regisseur, der seine starken Spieler mit großer Entspanntheit auf Reibungspunkte zuführt. Und so treten neben boulevardeskem Witz auch die Schattierungen in Baulitz' Werk hervor: In Martin entdeckt man eine Politoffensive aus dem Geiste der Piratenpartei, mit viel Emphase und wenig Inhalt; in seinen Antipoden sieht man, wie ein verglimmender Idealismus in den hartnäckigen Kampf um die eigene Daseinsberechtigung übergeht. Gegen die postdemokratische Krise setzt Baulitz ein Drama, das im Kleinen die Poesie des Politischen sucht. Es ist ein pointillistisches Miniaturbild, ganz so wie es der Protagonist Martin einmal beschreibt: Demokratie, sagt er, ist ein "erhabenes, vielleicht anmutiges, ein schönes Bild. Und tritt man nun näher heran an jenes Bildnis, erkennt man: das erhabene Ganze ist gewirkt aus zahllosen kleinen Teilen: Flecken, Strichen, winzigen Punkten. Jene winzigen, in ihrer Einzelheit so unscheinbaren Striche und Punkte, die in ihrer Ganzheit erst das Bildnis zusammenfügen, in unserer Demokratie sind es: die Entscheidungen".«

ZEIGENDie deutsche Bühne

»Kai Ivo Baulitz hat diese Fabel ziemlich giftig angeschärft; ausgerechnet zum 80. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme auch in Magdeburg entwirft er eine Polit-Farce über den verantwortungslosen Alltag unserer politisch-parlamentarischen Gegenwart, die sich doch so weit entfernt fühlt von allem totalitären Gehabe; und darum viel zu sicher. Die Qualität im Baulitz-Text liegt in der wirklich feinen Bosheit, mit der er die zutiefst beschränkten, nur am eigenen Interesse orientierten Hinterzimmer-Strategen zeichnet. Axel Strothmann, Peter Weiss und Sebastian Reck, Katarina Schlothauer und Gisela Hess entfalten in dieser Inszenierung ein parlamentarisches Pandämonium; wie unter Ureinwohnern. Und nicht nur in Magdeburg.«

Magdeburger Volksstimme

»DIE FRAKTION ist trotz geschliffener und pointierter Dialoge keine leichte Kost. Das Lachen gefriert mitunter im Umfeld von Hoffnungs- und Machtlosigkeit. Für kontroverse Diskussionen, ob der Mensch in der Lage ist, in Freiheit eine Gesellschaft zu gestalten, ist das Stück bestens geeigne

Aufführungen

UA: 25.1.2013, Theater Magdeburg

2013/14: Landestheater Eisleben