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theater und medien
Theater, UA: 21.4.12, Staatstheater Hannover, Regie: Lars-Ole Walburg
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Synopsis

»Ein Mann. Der einen Koffer zieht. Ein Mann, der einen 2.000 Euro teuren Samsonite-Koffer hinter sich her zieht, der in seinem Zustand weniger als sein Material wert ist. An einer Stelle ist der Koffer aufgeflext. Und an dieser Stelle flattern 5-Euro-Banknoten heraus. Sie tanzen im Wind davon. Und ja, es ist wirklich unglaublich, unglaublich schön: Hinter ihm laufen Kinder und greifen in den Wind.«

Nis-Momme Stockmann erzählt in seinem neuesten Stück die Geschichte eines Mannes und seiner Erkenntnisse im Zeitalter des alles beherrschenden Materialismus. Der Mann, ein einflussreicher Banker, löst sein Konto auf, läßt sein Leben hinter sich und zieht in den Kampf gegen das System, in dem er lebt, gegen das Gespenst einer nicht bezwingbaren Herrschaft, die so erfolgreich ist, weil sie sich mit dem Fortkommen der Allgemeinheit und des Einzelnen verbinden konnte. Seine Idee: das Auslösen einer Hyperinflation.

Ein Stück über Demut, Lust, Dressur und Macht, vor allem aber über Angst und Geld. Ein Sittenbild. Eine Kakophonie. Ein Stimmteppich. Ein Chor durchschnittlich informierter EU-Bürger.

 

Eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen 2013

ZEIGENNis-Momme Stockmann
1981 auf Föhr geboren, schreibt Nis-Momme Stockmann Theaterstücke, Hörspiele, Lyrik und Prosa. Für das Stück DER MANN DER DIE WELT ASS erhielt er beim Heidelberger Stückemarkt 2009 Haupt- und Publikumspreis. KEIN SCHIFF WIRD KOMMEN wurde 2010 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, »Theater Heute« wählte ihn zum Nachwuchsdramatiker des Jahres. 2011 erhielt er den Friedrich-Hebbel-Preis. 2012 inszenierte Lars-Ole Walburg die Uraufführung TOD UND WIEDERAUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR, die zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen und mehrfach nachgespielt wurde. 2014 entstand PHOSPHOROS (Residenztheater München), 2016 erschien Stockmanns Debütroman DER FUCHS. Die Zeit nannte ihn »ein echtes Sprachgenie«.
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»Mit herrlicher Wut, erfrischender Direktheit, emotionaler Wucht, aber auch intellektueller Emphase und poesiewilliger Empörung arbeitet Nis-Momme Stockmann seit Jahren daran, das gesellschaftliche Panoptikum unserer Krisenzeiten in all seinen Widersprüchen zu dramatisieren. Aus dem eisigen Herz der Finsternis, den Banken, lockt er nun einen dunkelgrauen Menschenwurm in ein Herbstgrau-Drama, giftig zischender Wind auf einem kahlen Platz, der Himmel hängt wahlweise voller Wolken oder kotender Tauben. Der Autor will aber mehr als nur im Alltäglichen – Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Altersdemenz – das große Ganze spiegeln. Dieses Stück ist die disparat ins Umfassende strebende Materialsammlung einer mäandernden Recherche. Weniger Horvath oder Kroetz – mehr Pollesch. Statt stringenter Entwicklung von Geschichte und Personal: Collage von Gedankenmaterial, das einfach mal herumschweifen oder gar um sich selbst kreiseln darf, ohne Rücksicht darauf, sofort verstehbar zu sein. Auch wenn er mit ein bisschen Revue-Glamour, Sozialdrama-Realismus, TV-Soap und surrealer Fantasie den Text aufmischt: Regisseur Lars-Ole Walburg bringt (mit einem selten so überzeugend erlebten Ensemble) die Reflexionsbrocken, -krümel, -fussel, all die Zitate und Fundstücke in einen langen, ruhigen, dramatischen Fluss. Er zelebriert den Text durchaus, aber nicht in Ehrfurcht, sondern gibt ihm Leichtigkeit durch Humor.«

Die Deutsche Bühne

»Die trauen sich was! Das Schauspiel Hannover zeigt die Uraufführung des Stücks eines jungen Autors auf der Großen Bühne und nimmt sich und den Zuschauern dafür fünf Stunden Zeit. Lars-Ole Walburg gelingt in seiner Inszenierung die Balance aus chorischer Euro-Revue und individuellem Identitätssuchspiel. Das erinnert an Jelinek-Inszenierungen von Karin Beier oder Nicolas Stemann. Schon der Text hat inhaltlich und formal Ähnlichkeit mit jüngsten Jelinek-Dramen. Stockmann wählt aber eine offenere Form und macht sich durch die Nähe zu seinen Figuren angreifbarer, ist eigentlich mutiger. Denn er tönt nicht nur monologisch-chorisch, sondern sucht zugleich auch noch den Dialog. Die Ziele waren hoch gesteckt in Hannover, für den Mann, der zum guten Menschen werden wollte zu hoch. Der flüchtige Frankfurter Banker scheint gescheitert und bereitet damit dem Autor und dem Schauspiel einen Triumph.«

Hannoversche Allgemeine Zeitung

»TOD UND WIEDERAUFERSTEHUNG ist ein großes Stück und Lars-Ole Walburg hat daraus großes und trotzdem stellenweise federleichtes, wundersam schwebendes Theater gemacht. Stockmann gelingt etwas Seltenes: politisches Theater, das belehrt, ohne alles besser zu wissen. Er stellt einfach nur die richtigen Fragen. Es ist mutig, den Zuschauern fünf Stunden Worte, Worte, Worte um die Ohren zu hauen. Das große Thema Stockmanns ist das Übermaß – da darf das Theater ruhig unmäßig sein. Regisseur Walburg unternimmt viel, um die grandiose Zumutung, mit der wir es hier zu tun haben, erträglich zu machen, ohne sie inhaltlich abzuschwächen. Manchmal ist die Aufführung reine Wortoper. Nis-Momme Stockmann pflegt einen wunderbaren, sanft insistierenden Tonfall. Seine magisch-manischen Sätze klingen wie Heiner Müller reloaded beim »Supertalent«. Oder wie Brecht im Werbefernsehen. Und sie klingen noch lange nach. Es ist verrückt, daß ein Dramatiker, der Erfolg so in Frage stellt, so erfolgreich ist. Aber absolut in Ordnung.«

Frankfurter Rundschau

»Die Uraufführung ist ein herrlich zeichendralles Bühnenwirrspiel. Walburg hat binnen fünf Stunden ein Rundumschlagtheater erfunden. Es gibt nicht oft eine Uraufführung, die derart freihändig fantasievoll mit ihrer Vorlage umspringt. Bei Walburg gibt es einen (sehr guten) Kinderchor, der singt und spricht und über die leere Bühne tollt. Es gibt die beiden tollen Musiker von Les Trucs in der Tonkabine hoch im Theaterhimmel, die keine Tonsoße über die Szenen gießen, sondern die Sätze mit Akkorden behacken, als gelte es, ihnen ein Bein zu stellen. Es gibt schroffe Wechsel vom Musical- zum Monstertragödienspiel, komischste Musical-Parodien und surreale Bilder mit Fuchsmaskenfiguren. Vor allem aber dürfen die Schauspieler ihre Figuren gleichzeitig keck von der Seite anstupsen und in Hochernst hüllen, sie also veruneindeutigen. Diese Regie hat die kapitalismuskritischen Volten auf Starkstrom gesetzt.«

taz

»Die kollektive Ratlosigkeit nicht mit einfachen Antworten zu überspielen, sondern eben dieses Unbehagen ins Zentrum der Inszenierung zu rücken, ist mutig. So entlarvt die Inszenierung von Lars-Ole Walburg das Geflecht aus gefühltem Antikapitalismus und scheinbar einfachen Erklärungen am Beispiel eines Systemaussteigers, der von einer besseren Welt träumt und doch keinen Schritt in eine neue Richtung finden kann.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Lars-Ole Walburg bewirkt mit seinem übergroßen Drang zum Zirkulieren von Symbolen Erstaunliches. Walburg vertraut dem Text, streicht ihn sinnig ein und arbeitet die Details heraus.«

Aufführungen

Uraufführung: 15.9.2012, Staatstheater Hannover

Polnische Erstaufführung:

28.9.2012, Stary Teatr, Krakau

Aufführung

28.1.14, Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Aufführung

21.5.2015, Badisches Staatstheater, Karlsruhe