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theater und medien
Theaterperformance, UA: 6.1.2011, Theater Hebbel-am-Ufer, Berlin, Regie: andCompany&Co.
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Synopsis

Goethe? Nein, Lenz! Lenz ist der Dichter des Sturm & Drang! Was für Goethe nur eine vorübergehende Phase war, war für Lenz Mission: Kulturrevolution! Die Entzweiung von Goethe & Lenz 1776 in Weimar beendete den Aufbruch der ersten Jugendbewegung in Deutschland. Während sich die nord- amerikanischen Kolonien für unabhängig erklärten, wurde Goethe Geheimrat und Lenz wahnsinnig.

andcompany&Co. bearbeiten Lenz' geniale Genie-Parodie Pandämonium Germanicum: Nun spukt er in seiner Stube, schläft in seinen Büchern, duelliert sich mit sich selbst, wird von Dämonen mit barocken Fugen gequält, fliegt mit Schreibfedern übers Gebirg' und macht Anmerkungen übers Theater: »Ich zimmere in meiner Einbildung ein ungeheures Theater, auf dem die berühmtesten Schauspieler alter und neuer Zeiten nun vor unserm Auge vorbeiziehen soll« Mal geht er durchs Gebirg', mal begeht er eine Eselei, mal haust er im Wald: Lenz im Loop.

So zieht der »Meteorit der deutschen Literatur« (Goethe über Lenz) immer wieder am Himmel vorbei wie ein Komet: Seit Büchners Novelle ist Lenz der Archetyp des wahnsinnigen Genies, aber auch der Verzweiflung an den deutschen Verhältnissen. So spiegelt sich im Scheitern von Sturm & Drang das Scheitern der ersten Nachkriegsgeneration: »I saw the best minds of my generation destroyed by madness«, schrieb der Beat-Poet Allen Ginsberg. In Westdeutschland traf es Bernward Vesper. Hellsichtig hat der Sohn eines berüchtigten Blut & Boden-Dichters und Ex-Freund von Gudrun Ensslin vorweggenommen, wie der 'sommer of love' verging, um im 'Deutschen Herbst' zu enden. Auf Sturm & Drang folgte die Weimarer Klassik, auf APO & RAF dann 200 Jahre später Punk & Postfordismus. Womit wir es jedoch heute zu tun haben ist das Scheitern der business punks, der postfordistischen Konterrevolutionäre. Und der Kulturnation, die sich auf ihre Klassiker beruft als würde sie Geister beschwören. Oder Dämonen. Goethe? Nein, Lenz!

ZEIGENandcompany&Co.
Das internationale Theater- und Performancekollektiv andcompany&Co., 2003 in Frankfurt/M. gegründet, versteht sich als offenes, aber verbindliches Netzwerk. Den Kern bilden Alexander Karschnia, Autor und Theaterwissenschaftler, Nicola Nord, Sängerin und Performerin, sowie Sascha Sulimma, Musiker und DJ. Ihre Performances sind ein humorvolles Spiel mit Fakten und Fiktionen, das Bruchstücke ästhetischer und philosophischer Entwürfe des 20. und 21. Jahrhunderts musikalisch verdichtet und zu einem eigenen politischen Statement neu abmischt. Nach zu Beginn v.a. freien Produktionen erweitert das Kollektiv seinen Wirkungskreis zunehmend in Richtung Stadttheater.
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ZEIGENtip

Links, rechts, das sind im andcompany-Kosmos schon lange keine Orientierung stiftenden Koordination mehr. Da treffen, wie in "Mausoleum Buffo" oder "West in Peace", die großen Köpfe der ideologischen Lager zur fröhlichen Culture-Clash-Umarmung aufeinander, da ist es von Karl May zu Karl Marx und von Lenin zu Lennon immer nur eine kurze Drehung. Blitzgescheit sind die andcompany-Produktionen und auf Popdiskurshöhe sowieso. Im Falle ihres "Lenz im Loop" nehmen die Performer etwa Bezug auf einen Text aus Diedrich Diederichsens "Eigenblutdoping". Diederichsen, erzählt Karschnia, hätte grundsätzlich auch gerne etwas zu ihrer Inszenierung beigesteuert. Aber lustigerweise habe er "Pandämonium Germanicum" gerade für sich selbst entdeckt.

(Patrick Wildermann)

 

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andcompany&Co. haben die postdramatische Schraube im Gewinde des deutschen Kulturbetriebes weitergedreht. Hier mauserte sich schon Goethe vom Stürmer und Dränger zum deutschen Klassiker. Keine echte Kulturrevolution, die nicht einen Fernseh-Zweiteiler hergäbe. Kein wirklich Gestürzter, der nicht anschließend zum Medien-Star avanciert. Mittendrin tragen andcompany&Co. die Logos ihrer Förderer wie Superheldenembleme auf die Kostüme geflickt. Sie schlagen die Hoffnung auf Authentizität und kritische Kunst zusammen mit dem Glauben an die Verantwortung des Zuschauers in den Wind. Und zwar mit Pauken und Trompeten! Sie sind die Quälgeister, nach denen die alternative Kulturszene rief, das wissen sie genau und machen keinen Hehl daraus. Und so bleibt ihr »Handeln! Handeln! Handeln!« zwar in der Luft hängen, aber man kann sich nie sicher sein, ob es nicht doch vielleicht ernst gemeint war – so ein kleines bisschen jedenfalls.

(Katja Grawinkel)

Aufführungen

Uraufführung

6.1.2011

Hebbel-am-Ufer, Berlin