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theater und medien
Theater, UA: 25.2.2010, Theaterhaus Jena: Regie: Ronny Jakubaschk
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Synopsis

Ein Food-Company-Manager mit neobürgerlichem Lifestyle, inklusive Eigentumswohnung und hochschwangerer Verlobter, zieht im Rahmen eines Näher-am-Kunden-Programms für einen Tag bei einer Unterschichtsfamilie ein. Dieser Endverbraucher-Haushalt, bestehend aus einem alleinerziehenden Vater und seiner siebzehnjährigen Tochter, lebt in einem tristen Wohnblock irgendwo im Osten.

Am Geburtstag der Tochter kommt es zum Showdown mit Fehlzündungen. Ihre Mutter, die vor zwanzig Jahren die Familie für einen reichen Westler verlassen hat, steht vor der Tür. Und dem Manager kommt sein schickes Leben plötzlich sehr weit weg vor. Zwei Familienkonzepte prallen aufeinander und lösen sich auf. Und zwischen den Welten irrt ein Ex-Popstar, ein gefallener Engel, ein »lausiger Stricher«.

Ist das Melodram überhaupt noch möglich in den Zeiten von Soaps und Simulationen, wo Familiengeschichten, Karrieren und Lebensläufe mehr und mehr fragmentarisiert, atomisiert und verkünstlicht werden? Sind die großen Geschichten, bewegenden Schicksale, die pathetischen Ausbrüche noch zeitgemäß? Die Figuren in Thomas Melles neuem Stück schwanken zwischen der zynischen Annahme ihres mittelmäßigen Schicksals und dem Aufbrechen in ein anderes, erträumtes Leben. Wer macht den ersten Schritt hinaus in eine andere Freiheit, und sei sie nur fiktiv?

ZEIGENThomas Melle
Thomas Melle schreibt Theaterstücke und Prosa. 2007 erschien sein erster Erzählband bei Suhrkamp. U.a. entstanden die Theaterstücke DAS HERZ IST EIN LAUSIGER STRICHER, AUS EUREN BLICKEN BAU ICH MIR EIN HAUS oder NICHT NICHTS. Sein Roman »Sickster« erschien im Herbst 2011 bei Rowohlt Berlin. Der Nachfolger »3000 EURO« landete auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2014 und wurde 15/16 an diversen Theatern aufgeführt. Mit dem Stück BILDER VON UNS (UA, Theater Bonn) wurde er 2016 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Derzeit entstehen neue Stücke, u.a. für die Theater in Bonn und Bremen sowie das DT, Berlin. Sein neues Buch »Die Welt im Rücken« steht erneut auf der Longlist für Frankfurt.
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»Was vom Gelächter des Abends übrig bleibt, ist ein wehmütiger Schmerz. Es kränkt, wie Autor Thomas Melle dem Publikum mit seinem Stück einen Spiegel vorhält. Wer bist du? Wer willst du sein? Thomas Melle hat mit seiner Auftragsarbeit "Das Herz ist ein lausiger Stricher" eine Hommage an die Unabhängigkeit geschaffen, die nirgends besser platziert gewesen wäre, als in dem kleinen Jenaer Theater mit seinem jungen Ensemble und seiner offenen, unkomplizierten Atmosphäre. Sechs Figuren, sechs Lebensentwürfe, sechs Träume prallen aufeinander. "Das Leben geht verschlungene Wege": Jenni wird 18. Sie lebt mit ihrem Vater allein in einem "Karton" - einer sozial schwachen Wohngegend. Die Mutter hat kurz nach Jennis Geburt die Familie verlassen, für einen Mann mit Geld und Perspektive, weder das eine noch das andere bleiben ihr am Schluß. An Jennis 18. Geburtstag taucht nicht nur ihre Mutter Helene wieder auf, es tritt auch Ran in ihr tristes Leben. Ran ist Food-Company-Manager und verbringt im Rahmen eines Näher-am-Kunden-Programms einen Tag bei Jenni und ihrem Vater, während seine hochschwangere, hysterisch veranlagte Verlobte Katja darüber nachdenkt, wie sie ihre IKEA-Möbel in der gemeinsamen Eigentumswohnung verteilt. Jennis Vater Hans indes wünscht sich nur eines, daß seine Tochter ihm all seine unverwirklichten Träume erfüllt. Und zwischen Helene, Hans, Ran, Katja und Jenni irrt ein lausiger Stricher, der ausgediente Rockstar Bill, für den das Wetter immer mies ist und der seine Leidenschaft längst verkauft hat. Regisseur Ronny Jakubaschk hat es geschafft, sechs Charaktere auf die Bühne zu bringen, die in all ihrer Überzogenheit authentisch wirken. Er hat die Absurditäten des Alltags enthüllt. Zwischen Schauspielerei und Slapstick schaffen es die Darsteller dabei, ihre Rollen auszufüllen, ohne ins Lächerliche abzugleiten. Der Charakter, bei dem die Fäden der Geschichte zusammenlaufen und sich auch wieder auflösen, ist Jenni. Sie dreht an dem großen Rad, um die Richtung, in die ihr junges Leben sich bewegt, zu ändern. Das tut sie mit einer entschlossenen Härte, die bis zum Mord an ihrem geliebten Vater führt. Damit befreit sie sich von den Lasten fremder Ansprüche und Hoffnungen. Auf ihre Reise in die Freiheit - nach Island zu den Elfen - nimmt sie den Food-Company-Manager Ran mit. Beide haben sich von ihren Zwängen befreit, unnötigen Ballast rücksichtslos abgeworfen, um höher steigen zu können. "Dies könnte der Anfang einer wunderbaren Generation sein." Man möchte den letzten Satz des Stücks fast glauben, lägen da nicht so viele Leichen im Keller.«

Thüringische Landeszeitung

»Es ist ein bizarrer Ausschnitt der Gegenwart, mit dem Bühnenautor Thomas Melle das Publikum in seinem neuen Stück konfrontiert. Ein bisschen von allem hat Melle hier kombiniert, Sozialstudie und »kitchen sink«-Drama, Krimi, Komödie und Seifenoper. Entstanden ist ein witziges und zugleich beklemmendes »Boulevardmelodram aus der Gegenwart«, wie der Untertitel das Stück einordnet. Es gibt niemanden im Stück, den das Leben nicht gezeichnet hat. Man könnte auch sagen: geschädigt hat. Helene, die Saskia Taeger so facettenreich spielt, kann ihre Gefühle nicht mehr direkt, sondern nur noch in melodramatischen, kitschigen Briefen äußern. Ex-Popstar Bill (Julian Hackenberg), der auch im Wohnblock wohnt, rettet sich im Komasuff von Tag zu Tag. Für Jenni singt er »The heart is a lousy hooker«, was klanglich an Carson McCullers Buch »The heart is a lonely hunter«, »Das Herz ist ein einsamer Jäger«, erinnert. Thomas Melle lässt uns Charaktere betrachten, die uns - mit ihrer Küchenpsychologie, ihren Dramen und Wünschen - partiell ähneln. Wäre das Stück eine Seifenoper, sie wäre eine der besseren. Man würde am nächsten Tag wieder einschalten.«

Ostthüringer Zeitung

»In kleinen Szenen werden die sechs Menschen dem Zuschauer vorgestellt. Mit dem klassischen Boulevard verbindet die Szenen der Wortwitz, von ihm unterscheiden sie sich, da die Rätsel nie restlos aufgelöst werden. Und auch den Schauspielern, allen voran Saskia Taeger, bekommt dieser Ausflug in den gefühlsduseligen Alltag gut.
So leicht und heiter sich dieser 18. Geburtstag anbahnt, ganz melodrammäßig bleibt das Happy End aus. Ein Mensch stirbt und damit wird die zuvor gewonnene Sicht auf die Figuren in Frage gestellt. Ein Mensch stirbt und die Anderen machen kein Drama draus. Ein starkes Stück, eine tolle Inszenierung und ein Spitzenteam.
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Aufführungen

Uraufführung

25.2.2010

Theaterhaus Jena

Aufführung: 6.10.2012, Landestheater Tübingen