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theater und medien
Theaterstück, 2D - 5H, UA: 5.3.2011, Schaubühne, Berlin, Regie: Friederike Heller
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Synopsis

Karl-Heinz, der Taxifahrer, Hanife, das junge türkische Model, ihren Vater Ibrahim, das Szene-Girl Ella, Marten, ein rätselhafter Fuchs mit Zahnschmerzen und ein unheimlicher Scherenschleifer: Sieben Figuren sind es, die Paul Brodowsky in seinem neuesten Stück hinausschickt in die Nacht Neuköllns, dem vielleicht verrufensten aller Berliner Bezirke. Keine Geschichte kann ohne die andere erzählt werden auf diesem kaleidoskopischen Irrweg durch eine schwüle Sommernacht, in der sich Ella und Marten kennenlernen, Ibrahim Geld für ein Telefonat in die Heimat sucht, Karl-Heinz von Hanifes Schönheit geblendet den Blick fürs Wesentliche verliert und der Scherenschleifer auf Fuchsjagd geht. Ihre Pfade kreuzen sich auf der Suche nach dem Glück, auf der Suche nach einer Berührung oder einfach nur der Möglichkeit weiter zu leben. Und wir ahnen, daß es die Sehnsucht ist, die sie verbindet und die sie in dieser Nacht nicht schlafen lassen wird. 

Genau beobachtet sind diese Figuren Brodowskys, wie mit einer Kamera verfolgt er ihre Wege durch den Kiez, und doch zielen die Dialoge trotz aller sozialen Genauigkeit in der Sprache nicht auf Wirklichkeitsabbildung, genügen sich nicht in der Beschreibung eines Milieus. Eine ganz eigene Welt ist es, die hier entsteht, eine Welt, die brüchig ist, undurchschaubar, flüchtig, gefährlich. Eine Welt, die bei aller Verdichtung und Poesie, tatsächlich existiert.

In REGEN IN NEUKÖLLN hat Paul Brodowsky alle Register seines beeindruckenden Könnens gezogen: verspielte Wortverdrehungen gehen einher mit messerscharfen Beobachtungen und Typenbeschreibungen, Figuren erscheinen dreidimensional vor dem lesenden Auge, bilden sich auf der Netzhaut ab. Eine Welt entsteht, die man zu kennen glaubt, die jedoch erdacht ist. Erdacht mit dem scharfen Geist eines genauen Beobachters, eines hochtalentierten Autors.

 

Eingeladen zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, 2008;

Publikumspreis der langen Nacht der Autoren am Thalia Theater, Hamburg, 2008;

Preis der Frankfurter Autorenstiftung 2008

 

ZEIGENPaul Brodowsky
Bereits mit 22 Jahren konnte Paul Brodowsky auf die erste Veröffentlichung bei Suhrkamp zurückblicken. 2008 schrieb er für Luk Perceval eine Neubearbeitung von TROILUS UND CRESSIDA (Münchner Kammerspiele/Wiener Festwochen). Sein vielfach ausgezeichnetes Stück REGEN IN NEUKÖLLN wurde 2011 an der Schaubühne in Berlin uraufgeführt. Für das Staatstheater Stuttgart entstand im gleichen Jahr eine Neuübersetzung von Shakespeares »Maß für Maß«, die Christian Weise inszenierte. Nach LÜG MIR IN MEIN GESICHT (UA: März 2010, Theater Freiburg) war Brodowsky 2012/13 Hausautor des Theaters Freiburg. Im Februar 2014 wurde dort sein Stück INTENSIVTÄTER uraufgeführt. Paul Brodowsky ist Dozent des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin.
Neuigkeiten
Presse
Tagesspiegel

»Eine rotzig- schöne, sanft abgehobene Asphalt-Ballade «

Deutschlandfunk

»Richtig poetisch, komisch und schillernd vieldeutig war Friederike Hellers Uraufführungsinszenierung von »Regen in Neukölln«. Das 2008 beim Stückemarkt des Theatertreffens aufgefallene Stück führt skurrile Figuren vor. In der leeren Studiobühne springen sie wie in einem nächtlichen Albtraum über Gehwegplatten zueinander und voneinander weg. Wunderbare Schauspieler, an ihrer Spitze Ernst Stötzner als berlinernder, geiler Taxifahrer und Niels Bormann als eleganter Stadtfuchs im Smoking, machen diese kleine Inszenierung zum großen Ereignis des F.I.N.D.- Festivals 2011.«

The Guardian

»Regen in Neukölln by Paul Brodowsky offers a vivid account of street life in a mixed-race Berlin community, sharply pinpointing current prejudices. A middle-aged taxi-driver, for instance, stalks a 17-year-old Turkish-German girl, automatically assuming her to be a prostitute. Her impoverished father, Ibrahim, is also instantly dismissed by everyone as another Muslim scrounger when he is neither. Eschewing straightforward realism, the play is a touching study not just of racial stereotyping but of human isolation – a point neatly symbolised by Sarah Rossberg's set, in which a pavement gradually fractures into a series of cobblestones on which people stand marooned in solitude.«

taz

»›Regen in Neukölln‹ ist eine schnelle Reise durch die Nacht, auf der Suche nicht nur nach Hanife, sondern auch nach Kokain, Sex auf der Toilette und einem Fuchs. Den Fuchs spielt Niels Bormann; sehr distinguiert, sehr autonom bewegt er sich stets bestens gekleidet zwischen den Fummeln und Trainingshosen der anderen, sammelt zierlich ihre Abfälle auf seinem Teller, deckt stilsicher seinen Tisch und reagiert pikiert auf die üblen Gerüchte, die sein Jäger über ihn verbreitet. Sein Jäger ist von Beruf Scherenschleifer und tritt im Kostüm eines Berliner Bären auf. Er faselt viel von Reinheit, beschimpft Füchse und Ausländer, tanzt allerliebst und bürstet sich das Fell. Ein Rassist, dem das stolze Kleid seiner Berliner Identität den Horizont verengt - mit Bärenmaske sieht man kaum noch was. Es ist dieser Witz, der ›Regen in Neukölln‹ auszeichnet. Zudem ist die Besetzung unheimlich stark, Ernst Stötzner zeichnet seinen schwerfällig vor sich hin denkenden Karl-Heinz genauso liebevoll wie Eva Meckbach und Luise Wolfram zwei lebenshungrige Mädchen. Die Szenen sind schnell ineinandergeschnitten, die Zeit verfliegt im kleinen Studio.«

Hamburger Abendblatt

»Brodowskys skuriller Trip durch die Großstadt ist eine surreale Episodengeschichte über Entwurzelte und Einsame, einander Verbundene und flüchtig Verbandelte, ein liebevoll verrücktes nächtliches Irrlichtern, das Hasko Weber kongenial in Szene gesetzt hat. »Regen in Neukölln«, in dem nicht nur ein Misanthrop mit Migrationshintergrund, sondern auch ein Gitarre spielender, rot glitzender Fuchs mit Paracetamol-Bedarf das Typensortiment bereichern, bedient sich kauderwelschender Sprachspiele, die den eigenartigen aus der Zeit gefallenen Charakter dieses Reigens nur verstärken. Die rundeste, trotzdem lockerste Inszenierung des Abends.«

Nuran David Calis

»Paul Brodowsky vertraut man sich sofort an und geht mit ihm mit. Mit bis in den entlegensten Winkel unserer Republik – Berlin – Neukölln. Ein Stadt-Straßen-Gassen-Schreiber. Ein Mikrokosmos-Erschaffer in unserem Makrokosmos. Im Kleinen das Große um uns herum erzählen, das ist seine Sache. Die Welt, die er zeichnet, ist dicht und hermetisch, dabei dennoch ungemein durchlässig. Jede Figur hat ihre eigene Sprache, ihren eigenen Klang. Und obwohl die Straße, der Asphalt an den Sohlen seiner Figuren klebt und man ihren Schweiß riechen kann, hat man nie das Gefühl, da schlachtet einer die Menschen für seine Zwecke aus und läßt uns teilnehmen an einer Menschen-Safari. Alle behalten ihre Würde und Schönheit: das Indie-Girl Ella und Marten, den sie beim Koksen kennenlernt, das junge türkische Model Hanife, ihr Vater und der Taxifahrer Karl-Heinz sowie Hermann, der unheimliche Scherenschleifer auf Fuchsjagd – in sich sind alle veredelt, schillern, jeder für sich. Paul Brodowskys Figuren, seien sie noch so rätselhaft, gehen einem schlüssig und klar unter die Haut und von da aus ins Herz. Es ist nicht nur ein Milieu, das er erschafft, sondern ein ganzer Kosmos. Ein Universum, in dem die weltlichen Dinge, welche die Menschen beschäftigen und sie dadurch zusammenhalten, genauso wichtig sind wie die mythischen, die nicht fassbaren. Jeder ist auf der Suche nach seinem Gral – seiner Bestimmung: Warum bin ich da? Paul Brodowskys Menschen sind auf der Suche nach LIEBE und dabei nimmt er uns mit.«

Kieler Nachrichten

»Hanife, die Frechheit auf Rollschuhen, ihr Vater Ibrahim, dem jeder Satz zum absurden Bettelgesuch entgleist, und Schere, der Telefone verscherbelt und keine Ausländer mag. Sie treffen und verlieren sich, und Brodowsky hält in Regen in Neukölln die Flüchtigkeit fest, mit der sich Geschichten und Sehnsüchte streifen. In somnambuler Verwunderung treiben die Schauspieler durch das fragile Netz der Berührungen, ein Reigen schräger Einzelstücke: Ein fantastischer Sprachspieler ist Helmut Mooshammers Ibrahim, und am verwunschensten Jörg Poses Taxifahrer, bei dem Hanife klingt wie ›Honey-Fee‹. Und weil die Welt so unbegreiflich ist, verdreht Paul Brodowsky sowieso allen die Sprache im Mund

Aufführungen

Szenische Einrichtung

6.6.2008, Thalia Theater, Hamburg

Regie: Hasko Weber

Autorentheatertage

Uraufführung

5.3.2011

Schaubühne Berlin