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theater und medien
Theaterstück, Bearbeitung nach Molière, UA: 20.2.2010, Regie: Jan Bosse
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Synopsis

Der Generationenkonflikt ist keine Erfindung der Mediengesellschaft, sondern ein alter Hut. Schon Molière wusste, worum es dabei eigentlich geht: um Geld. Sein »Geiziger« Harpagon ist in der unangenehmen Situation, von jungen Menschen umgeben zu sein, die alle auf seinen Tod warten, um an ihr Erbe, seinen Reichtum, heranzukommen. Doch das Misstrauen in seine Kinder und Bediensteten gibt Harpagon die Energie, die er zum Weiterleben braucht. Er verliebt sich in die Verlobte seines Sohnes und entwickelt immer neue Strategien, um das Gesammelte zu bewahren und gleichzeitig zu vermehren. Den Jungen gelingt es nicht, sich von dem Gedanken, dass ihnen etwas zusteht, zu lösen. Sie haben sich eingerichtet in einem Warteleben im Vorzimmer der Biografie ihres Vaters. Aber der Druck erhöht sich: was passiert mit den Erben, wenn die Alten immer älter werden? Harpagon bittet zu Tisch und bei Tisch wird gesprochen – von Geld und Generationen.

PeterLicht hat im Auftrag des Maxim Gorki Theaters ein dramatisches Familiengemälde geschrieben, das Motive von Molières berühmter Komödie aufnimmt und sie auf ein Land bezieht, in dem es zu viel von allem gibt, nur schlecht verteilt. Die Alten haben das Geld und die Jungen wollen es haben. Die Generationenfrage heißt: Wer ist dran?

ZEIGENPeterLicht
Der Musiker, Liedermacher und Poet beeindruckt in unterschiedlichen Genres. Mit dem vielfach nachgespielten Text DIE GESCHICHTE MEINER EINSCHÄTZUNG AM ANFANG DES DRITTEN JAHRTAUSENDS ist Licht seit vielen Spielzeiten am Theater präsent. Für das Düsseldorfer Schauspielhaus schrieb er das Kinderstück WUNDER DES ALLTAGS, mit dem er zu den Mülheimer Theatertagen 2013 eingeladen wurde. Gemeinsam mit dem Regie-Kollektiv SEE! entstand für das Schauspiel Köln DAS SAUSEN DER WELT. 2014 veröffentlichte er unter dem Titel LOB DER REALITÄT ein Live-Album und ein gleichnamiges Buch. Für das Maxim Gorki Theater überschrieb er 2010 Molières Komödie DER GEIZIGE. 2016 folgte die Adaption vom MENSCHEN FEIND für das Theater Basel. Der BR bezeichnet den Autor als »Lichtblick für das deutsche Stadttheater«. Licht setzt seine Zusammenarbeit mit dem Theater Basel fort.
Neuigkeiten
Examensarbeit zu PeterLichts DER GEIZIGE

PeterLicht wird Gegenstand der Wissenschaft: Linda Kleber hat eine sehr spannende Examensarbeit verfaßt mit dem Titel »›Der greift rein in alles‹ - Hypertextuelles Spiel in PeterLichts ›Der Geizige‹«. Darin analysiert sie die zahlreichen textuellen Bezüge von Lichts intelligenter Molière-Überschreibung. Die Lektüre lohnt also! Mit freundlicher Genehmigung von Frau Kleber steht die Arbeit hier zum Download bereit.

Presse
nachtkritik

»Geiz ist geil. Und der Geizige einmal nicht der Buhmann. Sondern quasi Systemverweigerer. Diese verblüffende Wendung gibt PeterLicht seiner Molière-Bearbeitung. Und in diesem System ist Harpagnon, der lediglich Geld anhäuft, aber nicht ausgibt, der reinste Störfaktor. Peter Kurth spielt diesen Reichen, und schon sein massiger Körper ist die schönste Veranschaulichung des Anhäufungsprinzips. Jan Bosse inszeniert PeterLichts Molière-Verheutigung in Stéphane Laimés sich zentralperspektivisch nach hinten verjüngendem Spiegelsaal als einen schrägen, klugen und trotz Handlungsarmut höchst unterhaltsamen Tanz der Vampire. Damit hat Bosse ein bestechend treffendes Bild für die versnobte Tischgesellschaft gefunden, die sich beim Warten auf den Tod des Patrons – denn nur so kann geerbt und ergo gelebt werden – gen Leblosigkeit auflöst. Für die schlaffen Kinder, die sich bar jeder Eigeninitiative nur noch vom Blut – also Geld – der Väter zu ernähren vermögen. Für eine werteverwirrte Gesellschaft, die sich beim Ringelreihen ums Goldene Kalb halbtot getanzt hat. Was aber, wenn die Besitzenden immer älter und älter werden und ihr Hab und Gut gar nicht mehr vererben, sondern im Pflegeheim verprassen? Neben den großen Themen Konsumkritik und Demographiefalle setzt PeterLicht noch diverse andere Diskurstupfer, die den "Geizigen" assoziativ umkreisen. Die Schauspieler blähen diese Assoziationssplitter an der Tischkante zu Exkurs-Blasen auf: über Zahnpastatuben, Mülltrennung, Rückenschmerzen. Daneben gibt es schöne Dialog-Parodien, wenn etwa Harpagnon und Cleanthe sich nur in Satzanfangsformeln unterhalten und dabei aufs Vergnüglichste jede sinnhafte Kommunikation umschiffen. PeterLichts leichthändig heutige "Geizigen"-Impro, mit der Bosse wiederum leichthändig frei umgeht, hat nur auf den ersten Blick kaum noch etwas mit Molières plakativer Geiz-Basher-Schnurre zu tun. Die Liebeshändel, um die es dort vornehmlich geht, sind stark zurückgefahren, aber fast alle Aktualisierungen und Abschweifungen docken auf die eine oder andere Weise an die alte Geschichte an.«

Die Welt

»Lichts pamphletisches Stück besteht vornehmlich aus Monologen. Die sind so fantastisch verschwurbelt wie ernüchternd komisch. So wolkig wie messerscharf. So unterkomplex lebensnah wie überkomplex gesellschaftsbetrachtend. So zum Grinsen, Kichern, Kopfschütteln, als seien es Büttenreden vom Karneval aller geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Eines aber immerhin wird signifikant überdeutlich: Lichts Harpagon ist ein sympathisch sarkastischer Selbstverwirklicher, ein theoriestarker, witziger Macho. Seine Kinder hingegen, denen er sein Geld nicht geben will, nach dem sie gieren um sich einzumotten im Konsum-Glück, die sind bloß parasitäre Schlaffis.«

Tagesspiegel

»An diesem Abend kommt das Publikum im Maxim-Gorki-Theater aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Molières Geizkragen in der Neufassung des Musikers und Autors Peter Licht ist ein regelrechter Schenkelklopfer – und eine perfekte Inszenierung für das kleine Gorki. So etwas schwebte Intendant Armin Petras wohl vor, als er zur Neueröffnung vor einigen Jahren vom schnellen Großstadttheater sprach. Heutige Kritik, das heißt, nicht aus einer fingierten Außenseiterposition formuliert, sondern von innen heraus, systemimmanent, wie es so schön heißt. Aber wie geht das eigentlich, sagen wir, an einem immer extremer werdenden Warenfetischismus Kritik zu üben, wenn man selbst Warenfetischist ist, wie es PeterLicht in einem Interview kürzlich bekannt hat? Es geht wohl nur, indem man dieses Dilemma mit intelligentem Witz und Selbstironie beschreibt.  

Papa hat es, die Kinder wollen es. Alle Versammelten reden, begleitet vom Cemballosound einer Hintergrundorgel, in einem sehr lustigen und seltsamen Comic- oder Rumpfdeutsch, mit vielen ›Okays‹ und empörten ›Hääääs?‹ und Dutzenden ›Ich so: voll genervt‹. Da ist jedes Wort in seiner Albernheit allerdings auch sehr musikalisch gesetzt, so daß, man kann es kaum glauben, mithilfe dieser sehr beschränkten Kunstsprache eine Fülle von Assoziationen oder Stimmungen aufgerufen werden. Den Höhepunkt dieses minimalistischen Pingpongs bildet ein aus Floskeln und Versatzstücken bestehender virtuoser Dialog, bei dem Papa dem Sohn erst Geld verspricht, um es ihm dann wieder zu verwehren. Peter Licht hat Molières Sympathieträger vertauscht. Die Kinder sind die narzisstischen, konsumorientierten Weicheier, besonders Cléanthe, dem Robert Kuchenbuch eine weinerliche Selbstgerechtigkeit gibt. Umgekehrt wird aus Harpagon eine Art Zen-Buddhist des Geldes. Hinter Peter Kurths jovial-despotischem Gebaren pocht ein charismatisches esoterisches Bedürfnis nach Reinheit. Am liebsten will er, daß Geld nur für sich steht, unabhängig von Begehrlichkeiten der anderen, als pures Material des Imaginären, der Möglichkeit, das als solches immer perfekter als jede Wirklichkeit ist. Wie ihm hat PeterLicht auch den anderen Figuren überdrehte Zwischenmonologe aus der Hölle der heutigen Konsum- und Alltagswelt auf den Leib geschrieben. Valère berichtet von einer mystischen Begegnung mit einem äffischen Hosengott, der ihm befiehlt, seine Jeans nie zu waschen, um so das Verblassen der Optik zu verhindern. Und Sabine Waibel als Bedienstete der Familie berichtet eindrücklich von ihrem morgendlichen Bittgespräch mit ihren Rückenwirbeln zwecks Minimierung des Schmerzes. Jan Bosse hat das mit dezenter Verbeugung vor der Ästhetik der alten Volksbühne vergnüglich umgesetzt. Der Rhythmus stimmt, die Pointen sitzen, und als Running Gag klingelt immer wieder das Telefon. Vater und Sohn hoffen jedes Mal, dass es Marianne ist, auf die beide ein Auge geworfen haben. Und wie geht die Geschichte aus? Wer bekommt Geld und Marianne? Es gibt keine Lösung, denn ein Dilemma bleibt ein Dilemma. Oder, nach der zauberischen Perfidie Peter Lichts: Jeder bekommt alles. Und Singen hilft immer. Da stehen sie also am Ende in ihren Reifröcken und Schnallenschuhen und singen ›Über uns wölbt sich der Immobilienhimmel‹ und heben die Arme wie Waldorfschüler, die eine unendliche Null in die Luft malen.«

Aufführungen

Uraufführung dieser Fassung

20.2.2010

Maxim Gorki Theater, Berlin

Aufführung,

17.11.2010, Theater Bielefeld

Aufführung

9.9.2011, Theater Keller, Köln

Österreichische Erstaufführung,

Februar 2012, Schauspielhaus Wien

Aufführung,

März 2012, Städt. Bühnen Osnabrück

Französische Erstaufführung,

April 2014, hotel epik, Strasburg