KontaktImpressum
theater und medien
Theaterperformance, UA: 17.12.2009, HAU, Berlin
Bild1 Bild2 Bild3 Bild4 Bild5 Bild6 Bild7 Bild8
Synopsis

andcompany&Co. wissen, was sie letzten Sommer getan haben: Sie haben sich im europäischen Urwald auf die Suche gemacht nach EL DORADO, einer Westernstadt in Brandenburg oder Polen. Die »goldene Stadt« verspricht Abenteuer »wie im Film«: Alles ist hier erlaubt – außer: kein Geld zu haben! Wer nicht zahlt, soll auch nicht essen, sondern wird gegessen: »Tofu ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter!« Während die rote Sonne hinter dem Atomkraftwerk versinkt, schlagen eine Handvoll Dauercamper ihre Zelte auf der Bühne auf, um sich am elektrischen Lagerfeuer die Zeit zu vertreiben oder am Marterpfahl: Polnische Cowboys, westdeutsche Indianistinnen, sorbische Folklore-Tänzerinnen und neureiche Neuköllner Bestattungsunternehmer, die nichts gemeinsam haben außer der Sehnsucht nach dem Wilden Westen, den sie im Osten suchen. Sie lesen Karl May statt Karl Marx, hinter der Kulisse aber tobt die Krise: ein Handelskrieg über Hähnchenschenkel, Roquefort-Käse und Mineralwasser. Der Finanzminister droht mit der Kavallerie, während falsche Indianer wieder einmal Tee in die See kippen oder Sendeanstalten überfallen. In diesem Western von gestern herrschen schon heute die Zustände von morgen jenseits von Gesetz und Gnade. Der Kapitalismus ist nicht am Ende, er hat gerade erst begonnen..

ZEIGENandcompany&Co.
Das internationale Theater- und Performancekollektiv andcompany&Co., 2003 in Frankfurt/M. gegründet, versteht sich als offenes, aber verbindliches Netzwerk. Den Kern bilden Alexander Karschnia, Autor und Theaterwissenschaftler, Nicola Nord, Sängerin und Performerin, sowie Sascha Sulimma, Musiker und DJ. Ihre Performances sind ein humorvolles Spiel mit Fakten und Fiktionen, das Bruchstücke ästhetischer und philosophischer Entwürfe des 20. und 21. Jahrhunderts musikalisch verdichtet und zu einem eigenen politischen Statement neu abmischt. Nach zu Beginn v.a. freien Produktionen erweitert das Kollektiv seinen Wirkungskreis zunehmend in Richtung Stadttheater.
Neuigkeiten
ZEIGENDokumentation der Reise

Die Reise in den polnischen Urwald ist dokumentiert unter dem Ur-Blog  http://ur-blog.livejournal.com/

Presse
nachtkritik

»Wer sich schon einmal zum Frankfurter Performancekollektiv andCompany&co. begeben hat, in ihre so heimwerkerartig anmutenden Flachbildwelten, mit Papierschnittkulissen hüben, Percussion-Utensilien drüben, der weiß: Auf eine lockere Erinnerungstour geht es hier nicht. Dieser ›Western von gestern‹, den andCompany&Co. in losen Erzählfetzen, mit klang- und assoziationsfreudigen Sprachspielen und Performanceeinlagen in unseren Köpfen aufleben lassen, führt nicht nur ins deutsch-polnische Grenzland, wo die Wölfe heulen und die Hitlersche Wolfsschanze ruht. Das Grenzland entpuppt sich als mythisches Nirgendwo zwischen Ardistan, dem Flachland der Geringen und Selbstsüchtigen, und Dschinnistan, der Hochebene der Edlen und Aufwärtsstrebenden. Bei aller wohltuenden Verspieltheit ist dieser Abend im Kern also betont philosophisch. Denn wer vom großen Goldrausch erzählen will, der muss mindestens auch ein Konzept davon haben, was denn da genau rauscht. Und also rücken die fünf Performer mit dem Klassiker zum Thema an: Marx' Theorie vom Warenfetischismus. Der Mensch beutet die ›Eingeweide‹ der Erde aus, heißt es da, er birgt Gold und Silber. Und wozu? Auf daß es zu Geld gemünzt werde und fortan die Kraft besitze, ein jedes Ding zur abstrakten Handelsware zu verwandeln. Im Geldverkehr verschwindet die konkrete Arbeitsmühe, die Gebrauchsdinge anfertigt, und übrig bleibt die große Lust an Tausch und Konsum: der Wille zum Fetischdienst an immer neuen Waren. Vor einigen Dekaden, als man noch unter der Schirmherrschaft von DKP und SDS in Lesezirkeln über dem Marx'schen ›Kapital‹ brütete, hätten diese Passagen wohl Gähnen hervorgerufen. Aber heute? Da ist der Rückgriff auf einen der klassischsten aller ›Eastern von Gestern‹ schon wieder innovatorisch. Besonders in der Art, wie andCompany&Co. ihn anpacken. Marx wird auf seine Rhetorik hin ausgeschlachtet, und das Verblüffende ist: die Eingeweide geben noch was her. Da trägt ein Zwerg in Zaubererkluft als fleischgewordene Fetischismus-Metapher die einschlägigen Stellen aus dem ›Kapital‹ vor und rundherum tanzen die Performer unter Masken, die mit Trabi-, Fernseher- und Stereoanlagen-Piktogrammen bemalt sind, den Tanz der Waren: Die Goldgräber werden mit den Marx'schen ›Totengräbern‹ des Kapitalismus assoziiert. Dazu rauschen die aus altlinkem Diskurs gespeisten Hirnströme: ›Petting statt Pershing‹, wird gereimt und ›Schießt die Nazis auf den Mond – das ist Raumfahrt, die sich lohnt!‹ Wie bei Pollesch sitzen die Performer aufgereiht und bringen ihren Diskurs auf Touren. Überhaupt kreisen sie munter im Theaterorbit. Der old school Marxismus um Georg Lukács hätte sie für diese Selbstreferenzen und die ganzen Wortspielchen, die teils in die Nähe von DADA rücken, als Formalisten abgeurteilt. Denn das freie Spiel der Zeichen galt damals selbst als Symptom einer fetischisierten Gesellschaft. Die Zeiten haben sich nicht geändert, nur weiß der Kapitalismus mit seinen Kritikern bestens umzugehen. Er saugt sie ein. ›West in Peace‹ – ruhe in Frieden. Aber die Künstler buddeln wieder aus. Tatsächlich zeigen andCompany&Co ein politisches Theater auf der Höhe unserer Zeit. Sie machen sich selbst zum schrägen, bisweilen berückenden Ausdruck unserer Konsumkultur, die nur die größten Optimisten als Spät-Kapitalismus ansprechen. ›Spiel mir das Lied vom Tod des Kommunismus‹. Die jüngsten, ähnlich gelagerten Arbeiten waren in ihrer futuristischen Anmutung sicherlich einprägsamer. Mit Campingflair und Indianerkostümen steckt dieser Abend anfangs in der Niedlichkeitszwinge und braucht Zeit, bis er seine gedankliche Schärfe entwickelt und überbordend wird. Dann erst setzt das Glücksgefühl ein: das Gefühl echter, ästhetischer Überforderung. Das Gefühl, daß hinter dem Seherlebnis ein denkenswerter Gedanke wohnt.«

Aufführungen

Uraufführung

Januar 2010, Hebbel-am-Ufer, Berlin