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theater und medien
Theaterstück, UA: 22.5.2009, Schauspielhaus Düsseldorf, Regie: Rimini Protokoll (Haug/Wetzel)
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Synopsis

 In Anerkennung »ihrer Dienste und ihrer Selbstaufopferung« bekam Herdis Sigurgrimsdottir am Tag ihrer Rückkehr nach Island eine Urkunde verliehen, in der ihr auch dafür gedankt wird, daß sie der gesamten Welt eine bessere Zukunft sicherstellte. Eine Nelke rankt sich um eine brennende Kerze, unterschrieben ist das Dokument vom Verteidigungsminister des Iraks. Herdis’ Land hat keine Armee, ist aber Gründungsmitglied der NATO und schickte eine einzige Person auf den Posten in das Nato Training Camp nach Bagdad. In der angeblich sicheren »green zone« trainierte Islands Beitrag Irakies im Umgang mit den Medien – schulte sie in Spiel und Taktik, immer nur das zu sagen, was die eigene Botschaft am Besten abbildet. Am Tag ihres Abzugs war Herdis Major, Teil der Befehlskette geworden, trug Uniform und Waffe und nahm die isländische Fahne mit nach Hause, denn sie zog nicht nur als einzelne Person ab sondern als eine Ein-Seelen-Armee.

Der Berliner Zauberkönig Günther Klepke hat die gesamte Welt bereist und seine Zaubertricks mal staunenden mal sattem Publikum vorgeführt. Auch er sagt: du mußt vor allem wissen was dein Publikum sehen soll. Als gelernter Geräuschemacher, mit dem er in den 50er Jahren auch das Hebbel-Theater beschallt hat, kann er mit einem Butterbrotpapier ganze Armeen aufmarschieren lassen, die Erdanziehung außer Kraft setzen, brennende Kerzen verschwinden lassen, war Handdouble für die Zaubertricks von Günter Pfitzmann und Eddy Arendt, und immer wieder im Unterhaltungsprogramm für politische Amtsinhaber, nie jedoch beim Fronttheater. Auch Markus Kompa beherrscht die Zauberei, er ist aber auch Anwalt von Uri Geller und beschäftigt sich historisch mit »Kontroversen Zauberern«. Seine Studien über die Aktivitäten der Geheimdienste während des Kalten Krieges führten ihn folgerichtig zu dem Datum 25./26. September 1983, als Stanislav Petrov durch sein besonnenes Handeln einen Nuklearkrieg verhindert hat. Dass er heute mit ihm auf einer Bühne steht, grenzt für den Zauber-Experten an Zauberei.

DER ZAUBERLEHRLING nimmt einen Text zum Ausgangspunkt der Suche nach den großen Illusionisten der Gegenwart und ihren magischen Momenten. Wo schlagen die Funken zwischen Goethes Ballade und dem Wehrstrafgesetz?

ZEIGENRimini Protokoll (Haug/Wetzel)
Helgard Haug und Daniel Wetzel haben in Giessen Angewandte Theaterwissenschaft studiert und arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen - oft mit Stefan Kaegi - unter dem Label Rimini Protokoll. Sie gelten als die »Protagonisten und Begründer eines neuen Reality Trends auf den Bühnen« (Theater der Zeit). Seit 2000 entwickeln sie auf der Bühne und im Stadtraum ihr Experten-Theater, das Laien als Experten der Wirklichkeit ins Zentrum stellt. Ihre Produktionen gastieren weltweit. 2006 gewannen sie mit der Produktion DAS KAPITAL den Mülheimer Dramatikerpreis, 2014 wurden sie mit ihrem Stück QUALITÄTSKONTROLLE erneut nominiert. Das gleichnamige Hörspiel wurde mit dem Deutschen Hörspielpreis 2014 ausgezeichnet. In der Saison 2015/16 entstand ADOLF HITLER: MEIN KAMPF, BAND 1 & 2. Für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg folgte 2016 die aktuelle Arbeit BRAIN PROJECTS.
Neuigkeiten
Presse
taz

»Seinen ganz besonderen Charme bezieht dieser ›Zauberlehrling‹ aus dem Gegensatz zwischen dem Gestus der Aufklärung, dem alle Redeweisen unterstellt sind, und dessen offensichtlichem Widerspruch durch die Illusionen der beiden Zauberer, die den Teufel tun werden, das zu erklären. Das eben ist die Stärke der Inszenierung von Helgard Haug und Daniel Wetzel, uns bei der Lust an den Illusionen zu packen, bevor sie über die falschen und die wahren Bilder reden. Wäre dies ein Film, so hätte ihn vielleicht Alexander Kluge gemacht, der bildhaften Assoziation ebenso viel Recht wie der historischen Recherche einräumt.«

Deutschlandradio Kultur

»Mit ›Der Zauberlehrling‹ ist Rimini Protokoll wieder ein Wurf gelungen. Sie haben originelle Figuren gefunden und deren Geschichten theatralisch wirkungsvoll ineinander verwoben. Zauberkunst und Militär berühren sich wie Sein und Schein. Das ist ja ein Thema, das das Theater immer bewegt hat. Und hier wird eine neue Variante hinzugefügt.«

Frankfurter Rundschau

»Die Wahrnehmung der Theatergruppe Rimini Protokoll ist geprägt durch Begriffe wie Neue Formen der Theatralität, Anti-Illusionismus, Realität und Fiktion. Interessant ist Rimini Protokoll aber weniger durch solche Theorie, als durch das, was sie zeigen: Wirklichkeit. Dieses Theater lebt durch die Geschichten, die seine Experten zu erzählen haben. Je besser die Geschichte, desto größer die Kraft dieses Theaters. Nun haben sich Helgard Haug und Daniel Wetzel das Thema Krieg vorgenommen, das von Anfang an im Zentrum ihrer Theaterarbeit steht: Spätestens seit dem ersten Golfkrieg mit seinen Kamerabomben theatralisiert sich ja tatsächlich das weltpolitische und kriegsstrategische Geschehen. Man kann Riminis untheatralische Theaterarbeit sehr gut als Gegenbewegung zu solcher Theatralisierung verstehen. Die Gruppe entkleidet und entmystifiziert Geister, die die Menschheit selbst gerufen hat. Die auf den ersten Blick etwas merkwürdige Kombination von Krieg und Magie, von Ernstfall und Zauberei, die Rimini Protokoll für die neue Arbeit in Düsseldorf mit dem Titel ›Der Zauberlehrling‹ gewählt hat, drängt sich da fast auf: Entzaubern wir die bösen Geister des Krieges!«

Aufführungen

Uraufführung

22.5.2009, Düsseldorfer Schauspielhaus