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theater und medien

Anne Lepper: Mädchen in Not

Anne Lepper, die Unvergleichliche, ist mit ihrem aktuellen Stück MÄDCHEN IN NOT zu den Theatertagen nach Mülheim eingeladen. Nach der Einladung für KÄTHE HERMANN (2012) ist dies bereits ihre zweite Nominierung für dieses wichtigste aller Dramatiker-Festivals.

In MÄDCHEN IN NOT nimmt Lepper den Selbstoptimierungswahn im ewigen Spiel der Geschlechter in einem herrlich-skurrilen Gender-Karrussel auseinander. Cornelia Fiedler schreibt in Vorfreude auf die Mülheimer gastspiele am 20. und 21. Mai: »Männer bringen’s nicht, soviel steht fest. Aber was ist die Alternative? Anne Leppers störrische Protagonistin namens Baby hat die Schnauze voll vom Patriarchat. Und von dessen Repräsentanten. Und von der rape culture. Und vom Reproduktionszwang. „Ich bin mündig, obwohl ich dazu eigentlich nicht erzogen wurde“, eröffnet die junge Frau ihrem Freund sowie ihrem Zweitlover, „ab jetzt mache ich was ich will und ich will mit einer Puppe als Mann nach Italien.“ Bäm! Nimm dies, gesellschaftlicher Normierungszwang! Die Männer reagieren panisch, fürchten um den Fortbestand der Spezies und beschließen, sich, als Puppen verkleidet, wieder in Babys Leben einzuschleusen. Weil aber Beziehungsdramen nie isoliert vom System ablaufen, geistert zudem die „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ durch Leppers komisch düstere Kunstwelt, ein völlig verpeiltes, rassistisches, mörderisches Kollektiv auf der Suche nach dem nächsten Sündenbock.

In der Regie von Dominic Friedel am Nationaltheater Mannheim besteht die Menschheit selbst aus schlacksigen Marionetten an unsichtbaren Fäden. Menschliche Züge zeigen allein die dienstbereiten Puppen. Lepper, bereits 2012 mit „Käthe Hermann“ in Mülheim dabei, gelingt eine bittere, hochaktuelle Diagnose unsere Gesellschaft, die mit Normabweichungen weit schlechter klar kommt, als sie vorgibt: Bilderstark, skurril verzerrt und sprachlich genial reduziert wie im Comic.«

3 Einladungen zu »Stücke« nach Mülheim a.d. Ruhr

Mit Anne Lepper, Olga Bach und Milo Rau sind in diesem Jahr gleich drei Autorinnen und Autoren von schaefersphilippen ™ zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Lepper, bereits 2012 mit ihrem Stück KÄTHE HERMANN mit dabei, hat für das Nationaltheater Mannheim MÄDCHEN IN NOT geschrieben, eine ›bittere, hochaktuelle Diagnose unserer Gesellschaft, die mit Normabweichungen weit schlechter klar kommt, als sie vorgibt: Bilderstark, skurril verzerrt und sprachlich genial reduziert wie im Comic‹ schreibt Cornelia Fiedler zur Begründung. Direkt mit ihrem ersten Stück nach Mülheim, das gilt für die junge Autorin Olga Bach. An der Seite von Ersan Mondtag entstand der Text DIE VERNICHTUNG, eine ›elysische Apokalypse‹ (Jürgen Berger). Bach und Mondtag skizzieren ihre eigene Generation zwischen Körperoptimierung, Drogen und Sex. Die Produktion des Theaters Bern ist ebenfalls zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ein weiterer Debütant - allerdings nur in Mülheim - ist Milo Rau. Durch die überfällige Einladung nach Mülheim wird nun auch auf breiterer Ebene sichtbar, welchen Anteil seine Autorenschaft zum Erfolg seiner Produktionen beiträgt. Christine Wahl schreibt zu EMPIRE folgerichtig: ›Im dritten und letzten Teil seiner »Europa-Trilogie« verdichtet Milo Rau nicht nur individuelle Biografien zu einem übergreifenden Geschichtspanorama und spiegelt die geschickt komponierten Umbruchs-, Flucht-, Vertreibungs- und Exilerzählungen der Bühnenakteure in strukturell vergleichbaren Erfahrungen der Eltern- beziehungsweise Großelterngeneration. Sondern indem die Darsteller zudem abendfüllend mit dem Verhältnis zwischen der eigenen Biografie und ihren jeweiligen Bühnenrollen spielen, reflektieren sie auch über das Medium Theater: über Repräsentation, Authentizität, echte und falsche Tränen und die Grenzen der Darstellbarkeit.‹

5 Einladungen zum Theatertreffen 2017

Die Hälfte aller Einladungen zum diesjährigen Theatertreffen geht an von schaefersphilippen™ vertretene Künstler. Wir gratulieren den tt-Debütanten Kay Voges und Ulrich Rasche sowie Ersan Mondtag, Thom Luz und Milo Rau, die jeweils zum zweiten Mal nach Berlin reisen! Thom Luz, 2015 mit seiner Bühnenbearbeitung von Judith Schalanskys ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN nach Berlin geladen, ist mit der poetisch betörenden und anrührenden Inszenierung seines eigenen Textes TRAURIGE ZAUBERER mit von der Partie. Ersan Mondtag gehörte bereits 2016 mit seinem Stück TYRANNIS zu den 10 bemerkenswertesten Produktionen des Jahres, wie es beim Theatertreffen heißt. In der Zwischenzeit kürte ihn das Magazin Theater Heute zum Nachwuchskünstler des Jahres in den Kategorien Regie, Bühnen- und Kostümbild. In diesen drei Bereichen glänzte Mondtag auch bei seiner Produktion DIE VERNICHTUNG (Theater Bern) nach einem Stück von Olga Bach, die nun in Berlin gezeigt wird. Ulrich Rasche ist mit seiner Inszenierung DIE RÄUBER (Residenztheater München) eingeladen, über die Christine Dössel in der SZ schrieb: »Rasches ›Räuber‹-Unternehmung ragt steil und gesamtkunstwerklich kühn aus dem Normalspielbetrieb heraus«. Die nachtkritik staunt: »Kurz: Groß.« Milo Rau ist nach der 2012er Einladung mit HATE RADIO in diesem Jahr mit seinem Stück FIVE EASY PIECES in Berlin vertreten. Das Stück, in dem Kinder die Verbrechen des Pädophilen Marc Dutroux nachspielen, regte eine internationale Debatte über die Grenzen der Kunst und die Kraft des Theaters an. Die SZ kommentierte zur Uraufführung: »Gleichzeitig atemberaubend, analytisch klar und grauenvoll. Die Inszenierung ist der seltene Fall eines Theaterabends, der auf angenehme Weise wehtut und dabei etwas leistet, was man früher Katharsis nannte.« Kay Voges, der in Dortmund seit Beginn seiner dortigen Intendanz an der ästhetischen und medialen Modernisierung des Stadttheaters arbeitet, reist mit der »philosophischen Welt-Installation« (nachtkritik) DIE BORDERLINE PROZESSION an. Die SZ jubelte: »Größenwahnsinnig und grandios, inspirierend und erschlagend zugleich. Als eine Reflexion über eine Theaterästhetik des Internetzeitalters setzt der Abend definitiv einen Standard.«

Christopher Rüping begeistert mit Miranda July

Christopher Rüping, seit Anbeginn der Intendanz von Matthias Lilienthal Haus-Regisseur an den Münchner Kammerspielen, hat in dieser Spielzeit bereits mit einer bemerkenswerten »Hamlet«-Inszenierung reüssiert. Nun durfte man gespannt sein, wie er Miranda Julys irrwitzigen, depressiven und zugleich hochkomischen Kurz-Roman »Der erste fiese Typ« bühnenmäßig uraufführt. Willibald Spatz berichtet auf nachtkritik begeistert vom Premierenabend: »Es ist ein großes Theaterglück, daß es Christopher Rüping und den Münchner Kammerspielen doch gelungen ist, von Miranda July die Erlaubnis für eine Dramatisierung zu bekommen, und ein noch größeres Glück ist die Besetzung der beiden Protagonistinnen. Miranda July erzählt in ihren Werken von äußerst problematischen Beziehungen und Persönlichkeiten, doch dabei scheint eine entwaffnende Menschenfreundlichkeit durch, gegen die nur wirklich böse Leute etwas haben können. Und genau diesen Charme einzufangen, gelingt Christopher Rüping und seinen zwei großartigen Schauspielerinnen mit Hilfe stilvoll eingesetzter Effekte und Musik. Man geht tatsächlich als ein wenig glücklicherer Mensch nach Hause, nachdem ganz zum Schluss die beiden zu Brandy Butlers "Rocket Girls" nach oben entschwebt sind und ihnen ein Astronaut von unten zugewinkt hat.« Rüping setzt auch in 2017/8 seine Münchner Arbeit fort; zudem kehrt er mit Inszenierungen ans Thalia Theater Hamburg und ans Deutsche Theater Berlin zurück.

Neuigkeiten
Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Boris Nikitin

Der mit 10.000 Euro dotierte Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena 2017 geht an Boris Nikitin. Im Zentrum des Jenaer Dramatikpreises steht in diesem Jahr ein postdramatischer Autorenbegriff. So erfolgte die Preisvergabe erstmals direkt, und das Preisgeld wurde mit der Aufgabe zur Entwicklung eines besonderen oder neuartigen Veranstaltungsformates verknüpft. In der Arbeit „Martin-Luther-Propagandasymposium“, das nun vom 16. bis 18. Juni 2017 in Jena stattfindet, kann man in exemplarischer Form das Denken Boris Nikitins auf der Bühne erleben. Kritisch-diskursiv und künstlerisch setzt sich der Theatermann mit den Themen Glaube, Religion, Propaganda und Wirklichkeit und Fiktion auseinander. In der Laudatio von Nikolas Müller-Schöll heißt es: »Es sind die verborgenen Möglichkeiten, eine Potentialität, die im Raum des Möglichen verbleibt, um derentwillen Nikitin seine Versuchsanordnungen aufbaut. Sein Theater lädt uns ein, im Bestehenden über das Bestehende wie seine Negation hinaus über das nachzudenken, was kommen mag: Anders als wir es erwarten, kritisch in jedem Sinne, ohne Grund, mag sein linkisch, in jedem Fall jenseits des Bekannten.«

Mondkreisläufer von Jürg Halter ab Oktober als Hardcover

Jürg Halter hat MONDKREISLÄUFER ursprünglich als Theaterstück geschrieben, die Uraufführungsinszenierung des Theaters Bern gastiert am 18. und 19. Juni im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin. Jetzt hat Halter den Theatertext weiterentwickelt und in eine schillernde Prosaskulptur verwandelt (ab Oktober als Hardcover beim Gesunden Menschenversand, Luzern). Im Grenzgebiet zwischen Vernunft und Wahnsinn setzt Halter einen namenlosen Protagonisten aus uns schickt ihn auf die Suche nach einer ersehnten Mutter, die sich auf dem Mond befinden soll. Die Neue Zürcher Zeitung kommentierte die Berner Uraufführung: »Der Text glänzt mit poetischen Sequenzen, provoziert mit beißender Kritik und irritiert mit Aberwitz. Sätze purzeln heraus, an denen man sich festhaken möchte.« 

Video von Ersan Mondtag für HÜTTE

Grandioses Musikvideo zu einem Song von Max Andrzejewskis HÜTTE, Regie: Ersan Mondtag.

Milo Rau neuer Künstlerischer Direktor des Nationaltheaters Gent

Wie das Nationaltheater Gent heute Vormittag im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt gab, übernimmt der Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau ab der Saison 2018/19 die Direktion des NT Gent. Milo Rau folgt als künstlerischer Direktor auf den niederländischen Regisseur Johan Simons, mit ihm im Leitungsteam sind Stefan Bläske, der feste Dramaturg des IIPM, sowie Steven Heene, künstlerischer Koordinator des NTGent.

NEW HAMBURG erhält Sonderpreis des Bundes

Das Theater-Projekt NEW HAMBURG, das Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner bereits 2014 im Auftrag für das Schauspielhaus Hamburg auf der Veddel realisierten, ist mit dem Sonderpreis »Kultur öffnet Welten« des Bundes ausgezeichnet worden. »Das Projekt leistet hervorragende Arbeit in einem Stadtteil, in dem Menschen zahlreicher Glaubensrichtungen mit- und nebeneinander leben. Mit dem Projekt in der Immanuelkirche ist ein Ort für Sprachcafés, Theaterstücke und vieles mehr entstanden«, sagt Kultursenator Carsten Brosda. Das Projekt des Deutschen Schauspielhauses, des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Hamburg-Ost und der Immanuelkirche ging aus einem Festival hervor, das mit theatralen, musikalischen und künstlerischen Mitteln Ergebnisse aus einem Jahr Recherche zum Leben auf der Veddel zeigte.

3sat-Preis für Milo Rau

Wir freuen uns neben der Einladung von FIVE EASY PIECES zum Berliner Theatertreffen 2017 über den 3sat-Preis für Milo Rau. In der Begründung der Jury heißt es: »Raus ›Five Easy Pieces‹ feiern, was die Dutrouxs dieser Welt vernichten wollen: kindliche Weisheit, kindlichen Willen, kindlichen Trotz.« Bisherige Preisträger waren unter anderen Herbert Fritsch, Sandra Hüller und Christoph Schlingensief.

Rainer Merkel beim Stückemarkt Berlin

Wir freuen uns über die Einladung von Rainer Merkels Debütstück LAUF UND BRING UNS DEIN NACKTES LEBEN zum Berliner Stückemarkt. Von Rainer Merkel, der 2013 mit dem Erich Fried-Preis ausgezeichnet wurde, erschienen die Romane ›Das Jahr der Wunder‹, für den er den Preis der Jürgen Ponto-Stiftung erhielt, ›Das Gefühl am Morgen‹, ›Lichtjahre entfernt‹, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, ›Bo‹ und die Reportagen ›Das Unglück der anderen. Kosovo, Liberia, Afghanistan‹ und ›Go Ebola Go. Eine Reise nach Liberia‹. LAUF UND BRING UNS DEIN NACKTES LEBEN ist Merkels Debüt als Theaterautor. In seinem Stück erzählt er von »Every Day Ghandi«, einer NGO, die versucht, dem afrikanischen Kontinent Gutes zu tun. Wie in einigen großen Stoffen der Weltliteratur bleibt auch in hier die afrikanische Realität ein Außen, eine Fläche, eine fiebrige Projektion europäischer Überhöhung oder dumpfer Panik.

Neue Website von Christian Weise

Hier geht es zur neuen Homepage von Christian Weise (www.christianwei.se)