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theater und medien

Kampf den Clowns: Debüt von Philipp Stadelmaier

Philipp Stadelmaier schickt sich an, eine neue Gattung zu etablieren: den grotesken Edelboulevard – vielleicht die einzige Form, mit der der Wirklichkeit noch beizukommen ist, in welcher die Clowns längst übernommen haben.

Dem Verdacht nachgehend, es könnte vielleicht doch nicht alles so schön und so einfach sein, wie es sich in deutschen Familienwohnküchen, WG-Runden und subventionierten Theatersälen gerne darstellt, feiert Philipp Stadelmaiers VANISHING POINTS noch einmal genüsslich die Errungenschaften des Abendlandes, die man sich von niemandem streitig machen läßt, weder von kleinen syrischen Jungs noch von den viel zu lauten »Scheißnazis« auf der Straße. Wochenendliche Sit-ins mit den lieben Nachbarn inklusive freier Meinungsäußerungen; die Altenpflege im Schichtdienst; der unreglementierte Genuss von Alkohol und seine erhebende Wirkung auf jedes noch so vor sich hin plätschernde Partygespräch; und natürlich die fröhlichen Wissenschaften – stichhaltiges und unbestechliches Erbe der Aufklärung, völlig einzigartig in der Welt. Die Dekonstruktion der bürgerlichen Großstädteridylle läßt in dieser stilbewussten Groteske nicht lange auf sich warten: Sie steckt bereits in jedem Winkel der nach der Maßgabe gehaltvoller Unterhaltung eingerichteten Wohnzimmerbühnen der Wohlfühlbürger und wartet darauf, ihnen ins Gesicht zu springen. In Auseinandersetzung mit dramatischen und bürgerlichen Konventionen verzerren sich in VANISHING POINTS die Perspektiven, und es prallen Szenarien aufeinander, die je für sich den Anspruch auf Realität erheben.

Philipp Stadelmaier, geboren 1984 in Stuttgart, ist freier Autor, Filmkritiker und Filmwissenschaftler. Er lebt und arbeitet in Wien, wo er 2017 die groteske Komödie VANISHING POINTS fertig gestellt hat.

Riesenerfolg für Weises Revue-Kunst am Gorki

5 Sterne vergibt Julian Eaves auf britishtheatre.com an Christian Weises Spoliansky-Inszenierung ALLES SCHWINDEL, die seit Dezember für ein ausverkauftes Haus am Maxim Gorki Theater sorgt: »our thanks are due to the brilliant team led by house director, Christian Weise, whose guardianship of the revival of this flim-flam transports the experience of its revivification into the realm of serious art in a way that is a real rarity in musical theatre.« Kevin Clarke wiederum beschreibt auf Klassik.Com seine Begeisterung wie folgt: »Was hat eine synkopierte Revue aus der Weimarer Republik am Gorki verloren? Ist das nicht das Kernrepertoire der Komischen Oper? Sagen wir’s mal so: Konkurrenz belebt das Geschäft, und so, wie Regisseur Christian Weise hier Operette serviert, ist es eine mehr als spannende Alternative zu Barrie Kosky. Und das, obwohl auch Weise mit Queerness, Schrillheit, Slapstick arbeitet und obwohl auch Weise auf Opernsänger verzichtet. Aber er tut es anders als Kosky und er tut es radikaler. Während in der Komischen Oper perfekt abspulendes Showbusiness zu bewundern ist, ist bei Weise ein raues, unfertig scheinendes, eben nicht perfekt flutschendes Vaudeville zu erleben, wo die Darsteller anstelle von Gold-und-Glitzerroben grotesk übertriebene Cartoon-Outfits tragen, die an Otto Dix und Georg Grosz erinnern und wo mit einer Härte und Vulgarität die Texte gesprochen werden, daß es einen schaudert. Hoffentlich gibt es eine TV-Übertragung. Die Produktion verdient es, für die Ewigkeit festgehalten zu werden.« Der Tagesspiegel ergänzt: »Die Revue ist längst kein angesagtes Gerne mehr im deutschen Theaterbetrieb. Durchaus unverdientermaßen, wie das Gorki beweist. Klar verdankt sich der Spaß an ›Alles Schwindel‹ zu großen Teilen dem frischen Zugriff von Regisseur Weise.Im tollen expressionistischen Bühnenbild läßt er nach Herzenslust überagieren, kalauern, Augenrollen. Der Stil ist Fritsch-mäßig, ohne ihn zu kopieren. Weise schafft seinen durchaus eigenen Irrsinn.«

 

 

Rudiš erhält Preis der Literaturhäuser 2018

Das Netzwerk der Literaturhäuser verleiht den mit 15.000 EUR dotierten »Preis der Literaturhäuser 2018« dem tschechischen Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor und Publizisten Jaroslav Rudiš. Der heute 45-jährige tschechische Schriftsteller hat die tschechische und deutschsprachige Literatur in den vergangenen Jahren aber nicht nur mit seiner Prosa bereichert, große Aufmerksamkeit erregte er vor allem durch Crossover-Arbeiten. So erschien gemeinsam mit dem Künstler Jaromír Švejdík alias Jaromír 99 – in Tschechien als Rocksänger gefeiert – die Graphic Novel Alois Nebel. Die gleichnamige Filmversion wurde als Bester Animationsfilm mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Jaroslav Rudiš zeichnet in seinen Texten mit Ironie und feinem Gespür für die Alltagsängste der Menschen die Gesellschaft anhand von besonderen Typen, die häufig Opfer tragikomischer Ereignisse sind. Dabei begibt er sich gern in den Untergrund und an die Ränder von Orten, Zeiten und Leben, um einen umso schärferen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. So sind seine Bücher cool, witzig, kritisch, politisch, poetisch, widerständig, anti-bürgerlich, berührend und verführerisch – kurzum: literarischer Rock’n’ Roll. Mit dem Preis der Literaturhäuser 2018 ist er nun endgültig in der deutschsprachigen Literatur angekommen. Der Preis wird am 15. März 2018 im Rahmen einer Veranstaltung im Literaturhaus Leipzig verliehen. Er besteht - neben dem eingangs erwähnten Preisgeld - aus einer Lesereise durch die im Netzwerk zusammengeschlossenen Literaturhäuser. Wir gratulieren!

Kurt-Hübner-Preis für Regie an Nora Abdel-Maksoud

Nora Abdel-Maksoud erhält für ihre Inszenierung THE MAKING OF den Kurt-Hübner-Regiepreis. Der Förderpreis für Regie wird jährlich von der Stadt Bensheim zusammen mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben. Mit ihrer Inszenierung wurde Abdel-Maksoud 2017 bereits zum Festival Radikal jung nach München eingeladen, von den Kritiker*innen des Fachmagazins Theater heute Zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt und für das nachtkritik.de-Theatertreffen nominiert. In seiner Begründung betont Juror Peter Kümmel: »Die Aufführung platzt schier vor Künstlichkeit, sie verhandelt Abgründe an der äußersten Oberfläche, man könnte an Commedia dell'Arte denken – 'The Making-of' ist eine Commedia dell‘Arte fürs Serienzeitalter, zum Platzen affektiert, eitel, verlogen, selbstverliebt, selbstmitleidig, verlegen, betreten, kindlich. Aber vermutlich wahr. Und auf eine Art dann doch übermütig und Mut machend, die im deutschen Theater sehr selten ist. Vielleicht hat Nora Abdel-Maksoud diese Komödie geschrieben und inszeniert, um es in diesem Habitat auszuhalten. Man kann ihr nur weiterhin alles Gute wünschen.« Die Preisverleihung des Kurt-Hübner-Regiepreises findet am 17. März 2018 im Parktheater Bensheim statt. Nora Abdel-Maksoud ist Autorin und Regisseurin; ihre eigenen Stücke inszenierte sie u.a. für das Volkstheater München, das Neue Theater Halle, das Maxim Gorki Theater Berlin und das Ballhaus Naunynstraße, Berlin. Im kommenden Frühjahr inszeniert und schreibt sie erstmals für das Theater Am Neumarkt in Zürich.

Neuigkeiten
ARD-Interview mit Björn Bicker

Der Schriftsteller und Theatermacher Björn Bicker berichtet in einem ausführlichen Interview auf ARD alpha von seiner Arbeit und Methodik. Das vollständige Gespräch ist in der ARD Mediathek zu sehen.

Deportation Cast in Toronto

Nach zahlreichen Inszenierungen v.a. im deutschsprachigen Raum gelangt Bickers Stück DEPORTATION CAST zu seiner englischsprachigen Erstaufführung: Übersetzt von Birgit Schreyer Duarte und durch die Unterstützung des Goethe Instituts Kanada ermöglicht, feiert die Inszenierung von Keira Loughran am 25.01. im Foster Studio der York University Toronto Premiere. Unter dem Spielzeitmotto „World of Exiles“ setzt sich das Programm des Studios mit Sehnsüchten, Zugehörigkeiten und örtlichen und psychischen Verdrängungsmechanismen auseinander. Weitere Spieltermine sind für den 26. und 27.01. vorgesehen.

Die nächsten Premieren im neuen Jahr

Das neue Jahr beginnt aus unserer Sicht turbulent und mit einer Vielzahl spannender und interessanter Theaterabende. Marco Štorman hat mit Tankred Dorsts Großwerk »Merlin« am 11. Januar am Staatstheater Kassel den Anfang gemacht. Es folgt ein dreitägiger Marathon am Staatstheater Stuttgart mit Premieren von Kay Voges (»Das 1. Evangelium«), Jan-Christoph Gockel (»Moby Dick«) und Wilke Weermann (»Fahrenheit 451«) vom 19.-21. Januar. Auch Jessica Glause (»Der thermale Widerstand« in Bozen) und Michael von zur Mühlen (»Aida« in Halle) starten an diesem Wochenende mit aktuellen Arbeiten ins neue Jahr. Der BR sendet das Hörspiel-Debüt des Schweizer Autors Michael Fehr (SIMELIBERG) am 20.1. sowie Thomas Melles Hörspiel ÄNNIE (nach dem gleichnamigen Theaterstück) am 21.1. Lily Sykes und ihre Bühnenbildnerin Jelena Nagorni arbeiten erstmals am Theater Lübeck; die Inszenierung »Der widerspenstigen Zähmung« gelangt am 2. Februar zur Premiere, Ulrich Rasche wiederum inszeniert (auch zum ersten Mal) am Staatsschauspiel Dresden (»Das Große Heft« am 4. Februar 2018). In der darauffolgenden Woche, am 9.2., zeigt das Theater Dortmund mit DAS INTERNAT eine Uraufführung von Ersan Mondtag (Regie, Kostüm, Bühne). Olga Bach hat für das Berliner Rambazamba-Theater FRAUEN VOM MEER überschrieben. In der Uraufführung am 16. Februar spielt u.a. Angela Winkler mit. Mit der Stückentwicklung WENN WIR LIEBEN feiert Maxi Obexer am 18. Februar Premiere am Nationaltheater Mannheim, gefolgt von einer weiteren Inszenierung von Marco Štorman am Theater Bonn (»Die schmutzigen Hände« am 22.2.18).

Woyzeck im Fake-News-Zeitalter

Mit großem Erfolg hat das DT Göttingen Christoph Klimkes Stück AMERICA FIRST uraufgeführt. Aus den Tagebüchern der Marilyn Monroe entsteht ein großes Drama aus Liebe, Eifersucht, Skandal, Betrug und Tod. In Monroes Leben spiegelt sich auch die politische Geschichte Amerikas mit damals schon ›alternativen Fakten‹. Die Deutsche Bühne schreibt: »Ein Woyzeck im Zeitalter der Fake News?! Die Erinnerungen und der Akt des Erinnerns treten in Dialog und ergänzen einander. Die Szenen – von ihrem Aufstieg als Playmate bis zu ihrem Tod – sind fragmentarisch, selektiv und nicht immer chronologisch. Gerade dadurch entsteht eine weitere spannende Zusammensetzung, in der sich die Zeiten vermischen. So gelingt der Adaption von Klimkes Stück etwas Großes: Show, Unterhaltung und Humor vermischen sich mit beißender Kritik. Regisseur Erich Sidler belebt so etwas wieder, was man an vielen Bühnen des Musiktheaters lange vermisst hat: ein Brecht´sches Moment, das mit der klassischen Dramaturgie, mit vielen Konventionen bricht, und das Publikum, indem es ihm ein Lachen entlockt, das sonst im Halse stecken bliebe, unterhaltsam und mit verfremdet-launigen Songs zur bittersüßen Reflektion bringt.«

Ersan Mondtag/Ausstellung im MMK Frankfurt


HR2 über die Arbeit: »Die Ausstellungsstücke sind zum Teil bekannt, aber die Inszenierung von Ersan Mondtag stellt sie in einen komplett neuen und radikalen Zusammenhang. Unsere Kunstkritikerin Stefanie Blumenbecker war restlos begeistert.«