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theater und medien

Neue Texte von Olga Bach in Berlin und Basel

Nachdem sie 2017 für ihre Texte DIE VERNICHTUNG und DAS ERBE von Theater Heute zur »Nachwuchsautorin des Jahres« gekürt wurde, feiert Olga Bachs neues Stück DIE FRAUEN VOM MEER, eine Fortschreibung des Ibsen-Klassikers, am 16.02. Premiere im Berliner RambaZamba Theater.

Ihre erste Arbeit DIE VERNICHTUNG, 2016 am Theater Bern von Ersan Mondtag inszeniert, war eine wohlkalkulierte Zumutung für das Theaterpublikum, für einige Kritiker*innen geradezu »unerträglich«. Parties, Sex und Drogen gelten darin der selbsternannten politischen wie künstlerischen Avantgarde als legitimer Widerstand gegenüber der verhaßten Wirklichkeit des bürgerlichen Status Quo. Bach siedelt ihre Figuren in einer Welt an, in der der Aufruf zur hedonistischen Selbstverwirklichung eine Karriere vom politischen Schlachtruf zum Imperativ des kapitalistischen Kreativestablishments genommen hat, Verheißungen der freien Liebe und des anhaltenden Rausches sich als selbst- und weltzerstörerische Praktiken entlarvt haben. Die Party geht weiter – auch ohne Perspektive auf den nächsten Morgen. DIE VERNICHTUNG erhielt eine Einladung zu den Mühlheimer Theatertagen 2017. Die Inszenierung von Ersan Mondtag gehörte außerdem zur Auswahl des letztjährigen Berliner Theatertreffens.

Im Juni 2017 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt (Regie: Ersan Mondtag), stellt sich Bachs zweiter Text DAS ERBE der mörderischen Komplexität des neo-faschistischen NSU, dessen Auswüchsen der deutsche Rechtsstaat im Münchner Prozeß gegen die Hauptangeklagte Beate Zschäpe seit 2013 anhand einer fortlaufenden Zahl Aktennummern beizukommen versucht. In DAS ERBE sitzen nicht einzelne Akteur*innen auf der Anklagebank, wird keine juristische Richtigstellung versucht. Vielmehr nimmt der Text die Tiefenstruktur des mit so viel Aufwand verteidigten kulturellen Erbes des sogenannten Abendlandes in den Blick, wobei ein Leitmotiv eine tragende Rolle spielt: eine kollektive Schuld, unabweisbar, und vor allem uneingestanden.

Ihre Zusammenarbeit mit Ersan Mondtag setzt Olga Bach 2018 am Theater Basel fort. Hier kommt am 12.04. KASPAR HAUSER UND SÖHNE zur Uraufführung. Für ihre Auseinandersetzung mit dem Kaspar-Hauser-Stoff und dessen Übertragung in das 20. Jahrhundert entwirft Bach die zersetzende Welt einer lieblosen genealogischen Zusammenrottung, ein hermetisch verschlossenes und durch die Auswüchse familiärer Hierarchien abgestecktes Territorium, in dem jede Geste zum Schlag zu werden droht. Für ihre Kaspar-Figuren entwickelt die Autorin eine eigentümliche Sprache, die die Unbewohnbarkeit der Wörter, über die man nicht verfügt, vor Augen führt.

Die nächste Premiere für Olga Bach steht am 16.2. an. Dann zeigt das Theater RambaZamba in Berlin ihr Stück DIE FRAUEN VOM MEER (Regie: Lilja Rupprecht). In intensiver Auseinandersetzung mit den Charakteristika der Sprache und Figuren Ibsens verhandelt der Text (Un)möglichkeiten weiblicher Selbstbestimmung. Neben ihrer Vielfältigkeit als Autorin beweist Bach mit diesem Text, über welches Potential die dramatische Form verfügt, aktuelle Problematiken zu verhandeln – vielleicht gerade weil die Stimmen ihrer Akteur*innen aus einer anderen Zeit zu sprechen scheinen.

Rasche und Rüping beim Theatertreffen

Auch in diesem Jahr sind mit Christopher Rüping und Ulrich Rasche zwei Künstler von schaefersphilippen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. So zählt die diesjährige Jury des Theatertreffens Christopher Rüpings Inszenierung von Brechts »Trommeln in der Nacht« (Münchner Kammerspiele) zu den bemerkenswertesten des letzten Jahres. Die Jury meint: »Rüping lässt [...] eine Version ›von Brecht‹ und eine ›nach Brecht‹ spielen. Die Verführungskraft des Theaters steht beide Male außer Frage. In zwei Stunden gelingt dem Ensemble ein immens unterhaltsamer, berührender und bestärkender Abend über die Macht des Theaters, den Aufbruch in neue Zeiten und die Liebe als weites Feld.« Rüping ist damit nach 2015, damals mit der Produktion »Das Fest« aus Stuttgart, schon zum zweiten Mal beim Theatertreffen dabei. Selten sei die Aussichtslosigkeit des »Woyzeck« so zum Ausdruck gekommen wie in Ulrich Rasches Inszenierung, »die eigentlich eine präzise getaktete Maschine ist, in der Sound, Wort und Bewegung wie ein gut geschmiertes Räderwerk ineinandergreifen und sich gegenseitig dynamisieren.« Mit der Basler Produktion erhält Rasche deshalb, nachdem er bereits im letzten Jahr mit seiner Version der »Räuber« beim Theatertreffen vertreten war, zum zweiten Mal in Folge eine Einladung nach Berlin. Gratulation auch an Thomas Melle! Jan Bosses Inszenierung seines Romans »Die Welt im Rücken« vom Wiener Akademietheater gehört ebenfalls zur TT-Auswahl.

Rudiš erhält Preis der Literaturhäuser 2018

Das Netzwerk der Literaturhäuser verleiht den mit 15.000 EUR dotierten »Preis der Literaturhäuser 2018« dem tschechischen Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor und Publizisten Jaroslav Rudiš. Der heute 45-jährige tschechische Schriftsteller hat die tschechische und deutschsprachige Literatur in den vergangenen Jahren aber nicht nur mit seiner Prosa bereichert, große Aufmerksamkeit erregte er vor allem durch Crossover-Arbeiten. So erschien gemeinsam mit dem Künstler Jaromír Švejdík alias Jaromír 99 – in Tschechien als Rocksänger gefeiert – die Graphic Novel Alois Nebel. Die gleichnamige Filmversion wurde als Bester Animationsfilm mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Jaroslav Rudiš zeichnet in seinen Texten mit Ironie und feinem Gespür für die Alltagsängste der Menschen die Gesellschaft anhand von besonderen Typen, die häufig Opfer tragikomischer Ereignisse sind. Dabei begibt er sich gern in den Untergrund und an die Ränder von Orten, Zeiten und Leben, um einen umso schärferen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. So sind seine Bücher cool, witzig, kritisch, politisch, poetisch, widerständig, anti-bürgerlich, berührend und verführerisch – kurzum: literarischer Rock’n’ Roll. Mit dem Preis der Literaturhäuser 2018 ist er nun endgültig in der deutschsprachigen Literatur angekommen. Der Preis wird am 15. März 2018 im Rahmen einer Veranstaltung im Literaturhaus Leipzig verliehen. Er besteht - neben dem eingangs erwähnten Preisgeld - aus einer Lesereise durch die im Netzwerk zusammengeschlossenen Literaturhäuser. Wir gratulieren!

Kurt-Hübner-Preis für Regie an Nora Abdel-Maksoud

Nora Abdel-Maksoud erhält für ihre Inszenierung THE MAKING OF den Kurt-Hübner-Regiepreis. Der Förderpreis für Regie wird jährlich von der Stadt Bensheim zusammen mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben. Mit ihrer Inszenierung wurde Abdel-Maksoud 2017 bereits zum Festival Radikal jung nach München eingeladen, von den Kritiker*innen des Fachmagazins Theater heute Zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt und für das nachtkritik.de-Theatertreffen nominiert. In seiner Begründung betont Juror Peter Kümmel: »Die Aufführung platzt schier vor Künstlichkeit, sie verhandelt Abgründe an der äußersten Oberfläche, man könnte an Commedia dell'Arte denken – 'The Making-of' ist eine Commedia dell‘Arte fürs Serienzeitalter, zum Platzen affektiert, eitel, verlogen, selbstverliebt, selbstmitleidig, verlegen, betreten, kindlich. Aber vermutlich wahr. Und auf eine Art dann doch übermütig und Mut machend, die im deutschen Theater sehr selten ist. Vielleicht hat Nora Abdel-Maksoud diese Komödie geschrieben und inszeniert, um es in diesem Habitat auszuhalten. Man kann ihr nur weiterhin alles Gute wünschen.« Die Preisverleihung des Kurt-Hübner-Regiepreises findet am 17. März 2018 im Parktheater Bensheim statt. Nora Abdel-Maksoud ist Autorin und Regisseurin; ihre eigenen Stücke inszenierte sie u.a. für das Volkstheater München, das Neue Theater Halle, das Maxim Gorki Theater Berlin und das Ballhaus Naunynstraße, Berlin. Im kommenden Frühjahr inszeniert und schreibt sie erstmals für das Theater Am Neumarkt in Zürich.

Neuigkeiten
Mondtag in Dortmund, Rasche in Dresden

Zwei durch ihre strenge und einzigartige Form bestechende Inszenierungen feierten am Wochenende Premiere.

Ersan Mondtags »Das Internat« das am Freitagabend am Schauspiel Dortmund auf die Bühne kam, sei eine »Serie von Höllenszenen, die den Visionen eines Hieronymus Bosch in Nichts« nachstünden. Die Inszenierung spielte in einem »düsteren Echoraum des Schreckens und der Paranoia«, erzeugt durch die »teils minimalistische[n], teils romantische[n] Kompositionen und Klangkulissen des Musikers T.D. Finck von Finckenstein.« (nachtkritik) Der wahre »Star des Abends« sei die permanent rotierende Bühne (ebenfalls von Ersan Mondtag), urteilt die Süddeutsche Zeitung. Sie eröffne »eine so verblüffende Vielfalt an Perspektiven, dass man sich fragt, wie eine einzige Bühne das nur schafft.«

Am Sonntag wurde Ágota Kristófs Roman »Das Große Heft« nicht nur für die sich verausgabenden Spieler*innen, sondern auch für das Dresdner Publikum unmittelbar physisch erfahrbar (nachtkritik). Die in bedrückend nüchternen Sätzen erzählte Grausamkeit einer Gesellschaft im Krieg übersetzt Ulrich Rasches Inszenierung in chorische Überwältigungsszenen, visuell und akustisch ambivalent, gleichsam verstörend wie berauschend. Der Deutschlandfunk urteilt: »Musik, Licht, Bühne und Schauspiel greifen perfekt ineinander. Und vor allem in den Text, der in Ulrich Rasches Ästhetik sogar an Intensität gewinnt. Es ist ein langer Theaterabend am Dresdener Staatsschauspiel, doch der Zuschauer bereut kaum eine Minute dieser – auch fordernden – vier Stunden.«

SIMELIBERG Hörspiel des Monats

Das Hörspiel SIMELIBERG nach dem gleichnamigen Prosatext des Schweizer Autors Michael Fehr ist Hörspiel des Monats Januar 2018. Bei der taufrischen Produktion des BR führte Kai Grehn die Regie. Herzlichen Glückwunsch!

Cool und Modern: Lily Sykes mit Shakespeare in Lübeck

Am Theater Lübeck befragt Lily Sykes Inszenierung der frühen Shakespeare-Komödie »Der Widerspenstigen Zähmung« die Ordnung der Geschlechter in der Gegenwart. Clou der Inszenierung: Weibliche Rollen sind mit männlichen Darstellern besetzt, männliche Figuren werden von Schauspielerinnen verkörpert. Die Premiere fand am Freitag, 02.02.2018, statt. Die Kritik meint: »Es ist fast erschreckend, wie aktuell Shakespeare sein kann, auch gut 420 Jahre nach der Uraufführung [...]. ›Der Widerspenstigen Zähmung‹ ist ein modernes, cooles Stück mit tollen Kostümen, klasse Schauspielern und einer Art Arena, einem englischen Viehmarkt als Bühnenbild. Voller Elan, Humor und Tiefe.« (NDR)

Ein Interview mit der Regisseurin und einen Blick hinter die Kulissen gibt es in einem NDR-Beitrag vom Tag der Premiere.

Noch bis zum 18.02.: I am a Problem im MMK Frankfurt

»In Zeiten von grotesker Selbstoptimierung und allgegenwärtigem Leistungsdruck fragt eine Ausstellung nach aktuellen Identitätsentwürfen in unserer Gesellschaft.« Ein szenischer Parcours, inszeniert von Ersan Mondtag.

HR2 über die Arbeit: »Die Ausstellungsstücke sind zum Teil bekannt, aber die Inszenierung von Ersan Mondtag stellt sie in einen komplett neuen und radikalen Zusammenhang. Unsere Kunstkritikerin Stefanie Blumenbecker war restlos begeistert.«

Die nächsten Premieren in der Übersicht

Olga Bach hat für das Berliner Rambazamba-Theater DIE FRAUEN VOM MEER überschrieben. In der Uraufführung am 16. Februar spielt u.a. Angela Winkler. Mit der Stückentwicklung WENN WIR LIEBEN feiert Maxi Obexer am 18. Februar Premiere am Nationaltheater Mannheim, gefolgt von einer Inszenierung von Marco Štorman am Theater Bonn (»Die schmutzigen Hände« am 22.2.18). Den premierenreichen Monat Februar beschließt am 23.02. Juliane Kann, ebenfalls am Staatsschauspiel Dresden, mit ihrer Inszenierung von Ionescos »Die Nashörner«. Die erste Premiere im März – Jan-Christoph Gockels Inszenierung seiner Version von Mary Shelleys »Frankenstein« – findet am 7.3. am Théatre National Brussels statt.

ARD-Interview mit Björn Bicker

Der Schriftsteller und Theatermacher Björn Bicker berichtet in einem ausführlichen Interview auf ARD alpha von seiner Arbeit und Methodik. Das vollständige Gespräch ist in der ARD Mediathek zu sehen.