KontaktImpressum
theater und medien

Kaspar Hauser & Söhne

Eine deutsche Pathologie in Basel

Mit ihren beiden Stücken DIE VERNICHTUNG (eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen und zum Berliner Theatertreffen 2017) und DAS ERBE wurde Olga Bach 2017 zur »Nachwuchsautorin des Jahres« gekürt. Nun hat die junge Berliner Autorin ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Ersan Mondtag in Basel fortgesetzt.

Dabei herausgekommen ist die verstörende Familien-Saga KASPAR HAUSER & SÖHNE, mit der Bach nichts geringeres als den Versuch unternimmt, eine sich über das vergangene Jahrhundert erstreckende deutsche Pathologie, eine horrorhafte Buddenbrocksche Anomalie, zu entwerfen.

Für ihre Auseinandersetzung mit dem Kaspar-Hauser-Stoff und dessen Umsiedlung in das 20. Jahrhundert entwirft Bach die zersetzende Welt einer lieblosen genealogischen Zusammenrottung, ein hermetisch verschlossenes und durch die Auswüchse familiärer Hierarchien abgestecktes Territorium, in dem jede Geste zum Schlag zu werden droht. Für ihre Kaspar-Figuren entwickelt die Autorin eine eigentümliche und verstörende Sprache, die die Unbewohnbarkeit der Wörter, über die man nicht verfügt, vor Augen führt.

Mit einer Fortschreibung des Kaspar-Hauser-Stoffes bis in die Gegenwart erzählt ihr Text von den Grausamkeiten der Tradition, zementiert durch Sprache und Namen. Der Text versucht sich dabei nicht an einer Aktualisierung der rätselhaften Figur des Kaspar Hausers, vielmehr folgt er ihren Auswüchsen durch die Zeit und vertieft die Frage nach einer Schuld ohne Ursprung aber mit scheinbar zwingender Kontinuität.

Darja Stocker bei schaefersphilippen

Wir freuen uns außerordentlich, Darja Stocker in Zukunft als Theaterverlag und literarische Agentur vertreten zu dürfen. Die Zusammenarbeit beginnt mit dem aktuellen Auftragswerk des Theaters Basel, das die 1983 in Zürich geborene Autorin derzeit unter dem Arbeitstitel »Hundert Jahre weinen oder hundert Bomben werfen« schreibt. Mit ihrem Debütstück »Nachtblind«, das 2005 im Rahmen des Förderprogramms »Dramenprozessor« am Theater Winkelwiese in Zürich entstand, gewann sie den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und wurde zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Ihr zweiter Text »Zornig geboren« entstand 2009 im Auftrag des Maxim Gorki Theaters Berlin. Die Uraufführung fand in Recklinghausen und Berlin statt (Regie: Armin Petras). Für »REICHT ES NICHT ZU SAGEN ICH WILL LEBEN«, basierend auf Interviews mit politischen Aktivist*innen verschiedenen Alters sowie unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung, erhielt sie 2012 mit der Co-Autorin Claudia Grehn ihre zweite Einladung zu den Mülheimer Theatertagen. Seit 2012 recherchiert sie zu Widerstandsbewegungen in Deutschland, der Schweiz, Kuba, Ägypten und Tunesien. Diese Erfahrungen und Begegnungen hat sie unter anderem in dem Text »Nirgends in Friede. Antigone.« verarbeitet, über dessen Uraufführung am Theater Basel die NZZ 2015 begeistert schrieb: »Kann man ein Stück radikaler umschreiben – und ihm im Kern dennoch so treu bleiben? Wann zuletzt war ein zweieinhalbtausendjähriger Stoff mit so viel packender Gegenwärtigkeit aufgeladen?« Wir sind froh, diese gleichermaßen literarisch versierte wie politisch engagierte und meinungsstarke Autorin von nun an vertreten zu dürfen.

Verlagswechsel: Willkommen, Katja Brunner

Die Freude ist groß über unsere neue Zusammenarbeit mit der Autorin Katja Brunner. Das erste gemeinsame Projekt ist ihr aktuelles Stück DIE HAND IST EIN EINSAMER JÄGER (noch frei zur Uraufführung), in dem die Dramatikerin über »Frauenkörper« schreibt: über weiblich identifizierte Existenzen als Anschauungsmaterial und Ausstellungsobjekte, Wunschvorstellungen, Projektionsflächen und Kampfplätze. Der Text ist ein drängender und dabei poetischer Appell für Solidarität jenseits typisierender Vereinheitlichungen, eine mehrstimmige und vielgestaltige Kampfansage an Deutungshoheiten, Vermessungsstrategien und Weiblichkeitsideale. Brunners Sprache tritt hier mal als selbständige Akteurin auf, mal als Material, aus dem Verletzungen bestehen, nicht zuletzt aber als das zentrale Instrument, mit dem ihre Figuren der Versuchung der Kapitulation widerstehen. Geboren 1991, studierte Katja Brunner Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Biel/Bienne und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Spätestens seit 2013 spielt sie für die deutschsprachige Theaterwelt eine entscheidende Rolle: In diesem Jahr erhielt sie für ihr Debütstück »von den beinen zu kurz« den Mülheimer Dramatikerpreis, war mit ihrem Stück »die hölle ist auch nur eine sauna« zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und wurde in der Kritiker*innenumfrage von Theater Heute zur Nachwuchsautorin des Jahres gewählt. Im Dezember 2017 wurde zuletzt das Auftragswerk »DEN SCHLÄCHTERN IST KALT oder OHLALAHELVETIA« am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Wir sind sicher, daß diese Autorin weiterhin eine besondere und wesentliche Stimme in der deutschsprachigen Dramatik sein wird, und freuen uns, sie als Verlag zu begleiten. (Die Rechte an den früheren Texten von Katja Brunner werden weiterhin von Henschel Schauspiel vertreten.)

Stuhler/Koslowski und der Tod des Bürgertums

Keine*r weiß so recht, warum, niemand hat genau gesehen, was eigentlich passiert ist. Aber eines ist sicher: Das Bürgertum ist tot. Gestern noch räkelte es sich in selbstverständlicher Weltvergessenheit, heute ist es Schnee von gestern, mit dem man nicht mal mehr zu schmeißen wagt. Stuhler/Koslowski fragen in ihrer neuen Arbeit namens DER ALTE SCHINKEN am Schauspiel Frankfurt, wie einer ganzen Schicht (oder Klasse?) Name und Selbstverständnis abhanden kommen konnte. Und um wen handelt es sich da eigentlich? Wer trauert, wer frohlockt? Ist das Verschwinden dieser Langweiler*innen wirklich ein Verlust? Erste Opfer der Misere kommen zu Wort. Esther Boldt hat die Uraufführung am Schauspiel Frankfurt für nachtkritik gesehen: »Hohes Tempo und vorsätzliche Komik geben die Temperatur vor, es wird virtuos auf der Metaebene getänzelt und wohlklingend so manches Wortspiel verkloppt. Aufgehübscht mit flinken Tanzeinlagen werden die Eigenheiten des Bürgertums seziert: Fleißig ist es und heiter, es weiß um Anstand und Etikette, es pflegt die Pünktlichkeit ebenso wie das rechte Maß, es weiß, dass Leistung sich lohnt und kennt den Wert die einfachen Dinge. Die Metabene groovt und die Selbstironie wetzt ihre Messer. Stuhler, die Theaterwissenschaft und Szenisches Schreiben studierte, und Koslowski, der ein Regiestudium absolvierte, haben sich an der Berliner Volksbühne kennengelernt. Die geteilte Volksbühnen-Vergangenheit sieht man ihrem "Schinken" an, der Abend ist witzig und schnell, zitatensatt und klug. Stuhler und Koslowski schaffen es, ein Riesenthema ausgesprochen handlich wirken zu lassen, ohne es allzu eng zu fassen, und nebenbei elegant reichlich Gendertrouble aufzuwirbeln.«

Neuigkeiten
Grandios unterhaltsam: die SZ schwärmt für Jaroslav Rudiš

Zum ersten Mal veröffentlicht »der grandios unterhaltsame tschechische Schriftsteller« Jaroslav Rudiš Texte, die er auf Deutsch geschrieben hat: »skurrile Erzählungen, die Schwejk gefallen hätten«. Die Süddeutsche bezeichnet Rudiš neben Milan Kundera und Jáchym Topol den »bekanntesten tschechischen Gegenwartsautor«. Rudiš. dessen NATIONALSTRAßE derzeit am Staatsschauspiel Dresden, am Theater Bremen und demnächst auch am Theater Aachen inszeniert wird, hat unter dem Titel »Der Besuch von Herrn Horváth« 8 kurze unbedingt lesenswerte Geschichten bei der Edition Thannhäuser veröffentlicht.

Portrait über Olga Bach

Aus Anlaß der Uraufführung ihres Stückes KASPAR HAUSER & SÖHNE am Theater Basel portraitiert die Aargauer Zeitung die Autorin Olga Bach.

Milo Rau: Start einer neuen Trilogie beim Kunsten Festival in Brüssel

Derzeit proben Milo Rau und sein Team am Théâtre National Wallonie-Bruxelles das Stück DIE WIEDERHOLUNG, das im Rahmen des Kunstenfestivaldesarts am 4. Mai 2018 uraufgeführt wird. Der erste Teil der von Rau kuratierten Serie „Histoire(s) du théâtre“ geht von einem Verbrechen aus, das sich in einer Nacht im April 2012 im belgischen Lüttich ereignete und die ganze Stadt erschütterte. Der 32jährige Ihsane Jarfi kam an einer Straßenecke vor einem Homosexuellen-Club ins Gespräch mit einer Gruppe von jungen Männern. Zwei Wochen später wurde er an einem Waldrand tot aufgefunden. Er war stundenlang gefoltert worden. Gemeinsam mit seinen Schauspielern begibt Rau sich auf die Spur des Kapitalverbrechens in Form einer multiperspektivischen Erzählung und sucht nach den grundlegenden Emotionen der tragischen Erfahrung. Sechs Schauspieler und Laien sinnieren über den Glanz und die Abgründe von Leben und Theater und schlüpfen in die Rollen der Hauptfiguren eines brutalen Mordfalls.

Clemens-Brentano-Preis 2018 für Philipp Stadelmaier

Wir gratulieren Philipp Stadelmaier! Mit seinem Essay »Die mittleren Regionen. Über Terror und Meinung« hat Philipp Stadelmaier den mit 10.000 Euro dotierten Clemens-Brentano-Preis gewonnen. Sein Essay ist als Reaktion auf die Anschläge in Paris 2015 entstanden und nimmt in Form eines Tagebuchs eine polemische Dekonstruktion der Konzepte ›Meinung‹ bzw. ›Meinungsfreiheit‹, ›Karikatur‹ und ›Terror‹ vor. Die Jury meint: »Die chronologisch geordneten Aufzeichnungen meditieren über unsere Möglichkeit, jenseits von Stereotypen auf Terror zu reagieren. Die Leichtigkeit und Eleganz von Stadelmaiers Prosa verhindert das Einrasten von gängigen Antworten. Das Denken selbst wird hier transparent.« Zuletzt stellte Stadelmaier sein Debütstück VANISHING POINTS fertig.

Wilke Weermann beim Festival radikal jung

Der Frühling beginnt erfreulich für Wilke Weermann: Mit seiner Inszenierung »Fahrenheit 451« nach dem Roman von Ray Bradbury ist er zum Festival »radikal jung« nach München eingeladen. Die Inszenierung, die in Kooperation mit der Akademie der Darstellenden Kunst Baden-Württemberg entstand, feierte am 21. Januar Premiere am Schauspiel Stuttgart.
Außerdem schaffte es Weermanns Text »Traumata« auf die Shortlist des Stückemarktes des Berliner Theatertreffens. Wir gratulieren!

Das Kongo Tribunal wird zur Institution

Für »Das Kongo Tribunal« hat Milo Rau die Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokriegs zu einem einzigartigen zivilen Volkstribunal im Ostkongo versammelt. The Guardian bezeichnete diese künstlerische Intervention als das »ambitionierteste politische Theaterprojekt aller Zeiten«. Unter dem Motto »Schaffen wir zwei, drei, viele Kongo Tribunale« ist nun geplant, gemeinsam mit einer Gruppe kongolesischer und europäischer Jurist*innen, Menschenrechtler*innen und Journalist*innen eine Institution einzurichten, die im Ostkongo nach dem Modell von »Das Kongo Tribunal« mit einer Reihe von lokalen zivilgesellschaftlichen Tribunalen die Massen- und Wirtschaftsverbrechen in der Region aufarbeiten soll. Bei der Auftaktveranstaltung zu dieser Initiative in der Berliner Akademie der Künste diskutierten Sylvestre Bisimwa, Wolfgang Kaleck, Fiston Mwanza Mujila, Milo Rau und Klaus Theweleit. Mehr Informationen zu den Initiator*innen, der Organisation und den Zielsetzungen finden Sie hier.

Thomas Melle in Mülheim und Heidelberg

Nachdem er bereits 2016 mit BILDER VON UNS für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert war, ist Thomas Melle auch 2018 zum Stücke-Festival Mülheimer Theatertage NRW eingeladen. In seinem Text VERSETZUNG korrespondieren die zusehende Verrückung der Sprache und der Textstruktur der Zersetzung des sozialen und beruflichen Umfelds des manisch depressiven Lehrers Ronald Rupp. Melle zeichne anhand einer individuellen Geschichte das Bild einer Gesellschaft, die sich zunehmend selbst abhanden komme, so das Auswahlgremium. Die Uraufführung fand in der Regie von Brit Bartkowiak am 17.11.2017 am Deutschen Theater Berlin statt. Die Inszenierung wird außerdem beim Heidelberger Stückemarkt zu sehen sein. Wir gratulieren!