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theater und medien

Kampf den Clowns: Debüt von Philipp Stadelmaier

Philipp Stadelmaier schickt sich an, eine neue Gattung zu etablieren: den grotesken Edelboulevard – vielleicht die einzige Form, mit der der Wirklichkeit noch beizukommen ist, in welcher die Clowns längst übernommen haben.

Dem Verdacht nachgehend, es könnte vielleicht doch nicht alles so schön und so einfach sein, wie es sich in deutschen Familienwohnküchen, WG-Runden und subventionierten Theatersälen gerne darstellt, feiert Philipp Stadelmaiers VANISHING POINTS noch einmal genüsslich die Errungenschaften des Abendlandes, die man sich von niemandem streitig machen läßt, weder von kleinen syrischen Jungs noch von den viel zu lauten »Scheißnazis« auf der Straße. Wochenendliche Sit-ins mit den lieben Nachbarn inklusive freier Meinungsäußerungen; die Altenpflege im Schichtdienst; der unreglementierte Genuss von Alkohol und seine erhebende Wirkung auf jedes noch so vor sich hin plätschernde Partygespräch; und natürlich die fröhlichen Wissenschaften – stichhaltiges und unbestechliches Erbe der Aufklärung, völlig einzigartig in der Welt. Die Dekonstruktion der bürgerlichen Großstädteridylle läßt in dieser stilbewussten Groteske nicht lange auf sich warten: Sie steckt bereits in jedem Winkel der nach der Maßgabe gehaltvoller Unterhaltung eingerichteten Wohnzimmerbühnen der Wohlfühlbürger und wartet darauf, ihnen ins Gesicht zu springen. In Auseinandersetzung mit dramatischen und bürgerlichen Konventionen verzerren sich in VANISHING POINTS die Perspektiven, und es prallen Szenarien aufeinander, die je für sich den Anspruch auf Realität erheben.

Philipp Stadelmaier, geboren 1984 in Stuttgart, ist freier Autor, Filmkritiker und Filmwissenschaftler. Er lebt und arbeitet in Wien, wo er 2017 die groteske Komödie VANISHING POINTS fertig gestellt hat.

Milo Rau erhält Preise in Bochum und Zürich

Die Stadt Bochum vergibt ihren Kulturpreis, den Peter-Weiss-Preis, für 2017. Er ist mit 15.000 Euro dotiert und geht an den Schweizer Regisseur und Theaterautor Milo Rau. Im Anschluss an die Aufführung des 3. Teils von Raus Europa-Trilogie EMPIRE und die Laudatio der Friedenspreisträgerin Carolin Emcke wird der Preis übergeben. »Gewürdigt werden Milo Raus globalhumanistisches Engagement und seine dezidiert politischen Inszenierungen, die als aufrüttelnd-provokante Zumutungen im Sinne von Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstandes“ begriffen werden können«, so die Preisjury. Der Peter-Weiss-Preis wird seit 1990 alle zwei Jahren abwechselnd in den Sparten Literatur, Theater, bildende Kunst und Film vergeben. Rau ist nach George Tabori (1990), Kurt Hübner (2000) und Dimiter Gotscheff (2008) der bislang vierte Preisträger in der Kategorie Theater. Der renommierte Zürcher Filmpreis ging vergangene Woche an das seit der Welt-Uraufführung am Filmfestival Locarno von Publikum und Presse heiß debattierte Theater-Film-Projekt »Das Kongo Tribunal«. »Der Filmemacher adelt das Kino und macht das, was die Realität nicht kann«, so die Jury des mit 35'000 Euro dotierten Preises über den Film von Milo Rau, der seit zwei Wochen in den deutschen und schweizer Kinos läuft (Produktion: Fruitmarket GmbH / Langfilm Zürich). Für die TAZ haben »Milo Rau und seine Cutterin Katja Dringenberg mit dem „Kongo Tribunal« einen Dokumentarfilm geschaffen, der bahnbrechend ist: »Kaum jemals zuvor wurde der Zusammenhang von Konflikten, Rohstoffausbeutung und europäischem Wohlstand so schockierend präzise sichtbar gemacht.« Und die Süddeutsche Zeitung fasste zusammen: »Raus Projekt, die Welt zu retten, mutet größenwahnsinnig an. Aber wir leben in Zeiten, die diesen Wahnsinn und diese Art der Kunst bitter nötig haben.«

Neue Stücke von Thomas Melle in Bonn und Berlin

Nach dem autobiographischen Roman »Die Welt im Rücken«, in dem er vom Leben mit seiner eigenen manisch-depressiven Erkrankung erzählt, injiziert Thomas Melle das gleiche Schicksal nun der Hauptfigur seines aktuellen Theaterstückes VERSETZUNG (Uraufführung: 17. November 2017, Deutsches Theater Berlin in der Regie von Brit Bartkowiak). Ausgehend von der bipolarer Störung eines jungen und karrierebewussten Lehrers stellt Melle allgemeingültige Fragen nach Zurechenbarkeit und Teilhabe, Verantwortung und Vertrauen, Erfolg und Ansehen. Wie reagiert eine von Leistungsdruck und Gesundheitswahn geprägte Gesellschaft, wenn eines ihrer Mitglieder sich als scheinbar falsches Versprechen erweist? Wo liegt die Norm? Und will man im Zweifel lieber Täter oder Opfer sein? Mit BILDER VON UNS, einem Stück für das Theater Bonn, wurde Thomas Melle 2016 erstmals zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. In dieser Spielzeit knüpft er an die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Bonn und der Regisseurin Alice Buddeberg an und hat mit DER LETZTE BÜRGER ein Requiem auf ein Bürgertum verfasst, dessen Selbstverständnis nicht ohne politische Mitgestaltung und gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu denken war. Wo sich beim dementen Familienvater seit Jahren das Vergessen breitmacht, setzen sich nun die widersprüchlichen Erinnerungen seiner Familie ins Werk und versuchen zu fassen, was falsch gelaufen ist – im Privaten und in der Gesellschaft. Thomas Melle wagt einen Rückblick in die Bonner Republik und die Jahre vor und nach dem Mauerfall. Am Beispiel der Familie Clarenbach überprüft er ein typisch westdeutsches Familienidyll, hinter dem in Wahrheit Lüge und Verrat stecken - mit der bürgerlichen Fassade zerbrechen auch sicher geglaubte politische Gewissheiten.

Kurt-Hübner-Preis für Regie an Nora Abdel-Maksoud

Nora Abdel-Maksoud erhält für ihre Inszenierung THE MAKING OF den Kurt-Hübner-Regiepreis. Der Förderpreis für Regie wird jährlich von der Stadt Bensheim zusammen mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben. Mit ihrer Inszenierung wurde Abdel-Maksoud 2017 bereits zum Festival Radikal jung nach München eingeladen, von den Kritiker*innen des Fachmagazins Theater heute Zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt und für das nachtkritik.de-Theatertreffen nominiert. In seiner Begründung betont Juror Peter Kümmel: »Die Aufführung platzt schier vor Künstlichkeit, sie verhandelt Abgründe an der äußersten Oberfläche, man könnte an Commedia dell'Arte denken – 'The Making-of' ist eine Commedia dell‘Arte fürs Serienzeitalter, zum Platzen affektiert, eitel, verlogen, selbstverliebt, selbstmitleidig, verlegen, betreten, kindlich. Aber vermutlich wahr. Und auf eine Art dann doch übermütig und Mut machend, die im deutschen Theater sehr selten ist. Vielleicht hat Nora Abdel-Maksoud diese Komödie geschrieben und inszeniert, um es in diesem Habitat auszuhalten. Man kann ihr nur weiterhin alles Gute wünschen.« Die Preisverleihung des Kurt-Hübner-Regiepreises findet am 17. März 2018 im Parktheater Bensheim statt. Nora Abdel-Maksoud ist Autorin und Regisseurin; ihre eigenen Stücke inszenierte sie u.a. für das Volkstheater München, das Neue Theater Halle, das Maxim Gorki Theater Berlin und das Ballhaus Naunynstraße, Berlin. Im kommenden Frühjahr inszeniert und schreibt sie erstmals für das Theater Am Neumarkt in Zürich.

Neuigkeiten
Rüping und Glause feiern Münchner Premieren

Jeweils ab dem 14. Dezember kommen neue Inszenierungen von Jessica Glause und Christopher Rüping  auf die Münchner Bühnen. Hausregisseur Christopher Rüping inszeniert in den Kammerspielen Brechts "Trommeln in der Nacht", Jessica Glause hat für die Bayerische Staatsoper mit "Moses" eine Musiktheater-Projekt entwickelt, in dessen Zentrum junge Geflüchtete und Münchner mit und ohne Migrationshintergrund stehen.

Woyzeck im Fake-News-Zeitalter

Mit großem Erfolg hat das DT Göttingen Christoph Klimkes Stück AMERICA FIRST uraufgeführt. Aus den Tagebüchern der Marilyn Monroe entsteht ein großes Drama aus Liebe, Eifersucht, Skandal, Betrug und Tod. In Monroes Leben spiegelt sich auch die politische Geschichte Amerikas mit damals schon ›alternativen Fakten‹. Die Deutsche Bühne schreibt: »Ein Woyzeck im Zeitalter der Fake News?! Die Erinnerungen und der Akt des Erinnerns treten in Dialog und ergänzen einander. Die Szenen – von ihrem Aufstieg als Playmate bis zu ihrem Tod – sind fragmentarisch, selektiv und nicht immer chronologisch. Gerade dadurch entsteht eine weitere spannende Zusammensetzung, in der sich die Zeiten vermischen. So gelingt der Adaption von Klimkes Stück etwas Großes: Show, Unterhaltung und Humor vermischen sich mit beißender Kritik. Regisseur Erich Sidler belebt so etwas wieder, was man an vielen Bühnen des Musiktheaters lange vermisst hat: ein Brecht´sches Moment, das mit der klassischen Dramaturgie, mit vielen Konventionen bricht, und das Publikum, indem es ihm ein Lachen entlockt, das sonst im Halse stecken bliebe, unterhaltsam und mit verfremdet-launigen Songs zur bittersüßen Reflektion bringt.«

Juliane Kann verzaubert mit Hoffmann in Karlsruhe

Mit Kostümen von Josephin Thomas und in einer Bühne von Vinzenz Gertler inszeniert Juliane Kann E.T.A. Hoffmanns erwachsenes Märchen »Der goldene Topf« in einer eigenen Dramatisierung am Staatstheater Karlsruhe. Nachtkritik erkennt das große Talent der Dramatikerin und Regisseurin Kann: »Juliane Kann, die sowohl Szenisches Schreiben als auch Regie studiert hat, beweist mit dieser Arbeit einmal mehr ihre große Stärke, Menschen am Abgrund ihrer eigenen Existenz zu zeigen. Sensibel tastet sie sich in die schwer ergründliche Welt des Universalgenies Hoffmann und die Gefühlstiefen des Anselmus vor. Sie vermag auf der Bühne jenes drängende Gefühl der Enge zu evozieren, an dem Hoffmann im Beamtenalltag genauso litt wie der Student in der Glasflasche. Wohltuend, wie sie dabei in ihrer dynamischen Textfassung die blumige Sprache der Romantik kräftig entstaubt, und dabei immer wieder zauberhafte Spielsituationen kreiert. Romantische Motive wie den Salamander oder die grüne Schlange überträgt sie in die Gegenwart der Zuschauer: Der aus Atlantis vertriebene Salamander und seine grünen Schlangentöchter – sie sind Projektionen eines Menschen, der nach Liebe giert.«

Christian Weise wieder am Gorki

Das Revuetheater ist wieder da! Nachdem Christian Weise OTHELLO zuletzt als schräge Komödie für das Maxim Gorki Theater Berlin inszenierte, wirft sich nun mit dem Gorki-Ensemble in den Strudel einer großen Berliner Zeit, die in ihrem Flimmern, aber auch in ihrer bedrohlichen Fragilität politisch und hedonistisch zarte Ähnlichkeiten zu der Stadt hat, wie sie heute zu erleben ist: "Alles Schwindel" wird ein rasanter Kostüm-, Musik und Tanzabend. Premiere am 17. Dezember 2017.

Nestroys für Gockel und Rasche

An manches möchte man sich nicht gewöhnen, zum Beispiel: Preisregen. Herzlichen Glückwunsch an zwei unserer Künstler, die nun mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet wurden: Jan-Christoph Gockel für seine Grazer Inszenierung von "Dantons Tod" als Beste Bundesländer Aufführung und Ulrich Rasche für seine Münchner "Räuber" als Beste deutschsprachige Aufführung. 

Ersan Mondtag/Ausstellung im MMK Frankfurt


HR2 über die Arbeit: »Die Ausstellungsstücke sind zum Teil bekannt, aber die Inszenierung von Ersan Mondtag stellt sie in einen komplett neuen und radikalen Zusammenhang. Unsere Kunstkritikerin Stefanie Blumenbecker war restlos begeistert.«