KontaktImpressum
theater und medien

Thomas Melle am Deutschen Theater

Nach dem autobiographischen Roman »Die Welt im Rücken«, in dem er vom Leben mit seiner eigenen manisch-depressiven Erkrankung erzählt, injiziert Thomas Melle das gleiche Schicksal nun der Hauptfigur seines aktuellen Theaterstückes VERSETZUNG (Uraufführung am 17. November 2017, Deutsches Theater Berlin in der Regie von Brit Bartkowiak).

Ausgehend von der bipolarer Störung eines jungen und karrierebewussten Lehrers stellt Melle allgemeingültige Fragen nach Zurechenbarkeit und Teilhabe, Verantwortung und Vertrauen, Erfolg und Ansehen. Wie reagiert eine von Leistungsdruck und Gesundheitswahn geprägte Gesellschaft, wenn eines ihrer Mitglieder sich als scheinbar falsches Versprechen erweist? Wo liegt die Norm? Und will man im Zweifel lieber Täter oder Opfer sein?

Mit BILDER VON UNS, einem Stück für das Theater Bonn, wurde Thomas Melle 2016 erstmals zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. In dieser Spielzeit knüpft er an die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Bonn und der Regisseurin Alice Buddeberg an und sorgt mit DER LETZTE BÜRGER (UA: 25. Januar 2018) für eine zweite Uraufführung in der laufenden Spielzeit.

Gockel seziert Kästner am Staatstheater Dresden

Mit EMIL UND DIE DETEKTIVE revolutioniert Erich Kästner 1928 die Kinderbuchliteratur. Während der Weimarer Republik macht Kästner sich schnell als Redakteur und Drehbuchautor einen Namen und prägt mit seiner unverschnörkelten, klaren Sprache eine ganze Epoche: die Neue Sachlichkeit. Die Nationalsozialisten verbrennen 1933 seine Bücher und erteilen ihm Schreibverbot. Trotzdem entscheidet er sich gegen eine Emigration, veröffentlicht unter Pseudonym und wird einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Mehr noch: Er wird zur moralischen Instanz der Nachkriegszeit und hadert dennoch bis zu seinem Tod damit, sich für Deutschland und nicht für das Exil entschieden zu haben. Erich Kästner rührt und beglückt Generationen von Leser*innen bis heute. Aber wer war dieser unantastbare Autor eigentlich? Wer war dieser Kleinbürger, der doch ein Lebemann war, und der sich noch als Erwachsener so gut in Kinderseelen hineindenken konnte? Und: Wie war seine eigene Kindheit, die von zwei Weltkriegen geprägt war? Erich Kästner, 1899 in Dresden geboren, verehrte seine Heimatstadt: Er verließ sie, schrieb über sie und kehrte zu ihr zurück. Der Regisseur Jan-Christoph Gockel geht auf Spurensuche nach dem Dichter Erich Kästner und zeichnet in der eigenen Stückentwicklung PAROLE KÄSTNER! ein lebendiges Bild dieses Autors, der sich hinter seinen Selbstdarstellungen mehr verbarg als offenbarte. Die Uraufführung in einer Bühne von Julia Kurzweg findet am 26. November im Kleinen haus des Staatstheaters Dresden statt. Jan-Christoph Gockel inszeniert in der laufenden Spielzeit zudem noch am Staatstheater Stuttgart, am Staatstheater Mainz und am Nationaltheater Brüssel.

Milo Rau gründet das erste Weltparlament

Gerade wurde das deutsche Parlament gewählt. Aber nicht einmal ein Bruchteil der von der deutschen Politik Betroffenen sind im Bundestag vertreten. Auch im Zeitalter von Massenmigration und Klimawandel wird globale Politik von nationalen Lobbys gemacht – und überall dort verhindert, wo sie deren Interessen zuwiderläuft. Indem die AfD zur dritten politischen Kraft in Deutschland geworden ist, wurden die nationalen Kräfte im Bundestag sogar noch einmal klar gestärkt. Ein nationales Parlament, das seine Interessen global durchsetzt, ist kein Ort der Demokratie, sondern ein Ort der Ausbeutung. Vom 3. – 5. November 2017 versammelt die „General Assembly“ 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt in der Bundeshauptstadt, um das neu gewählte deutsche Parlament herauszufordern – repräsentativ für alle Akteurinnen und Akteure, welcher Art auch immer, die von der deutschen Politik betroffen sind, jedoch im Bundesparlament kein politisches Mitspracherecht haben. Das erste Weltparlament der Menschheitsgeschichte, begleitet von einer Gruppe internationaler politischer Beobachter, gipfelt in der Verabschiedung der „Charta für das 21. Jahrhundert“ und dem „Sturm auf den Reichstag“ am 7. November, genau 100 Jahre nach dem „Sturm auf den Winterpalast“. Kriegsopfer, Arbeitsmigrant/innen, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, die Opfer des sich anbahnenden Ökozids, die Kinder, die Ungeborenen und die Toten der Kolonialgeschichte – sie alle haben kein Mitspracherecht unter der Kuppel des Reichstags. Was wäre aber, wenn alle, deren Leben vom deutschen Bundestag bestimmt ist, sich versammeln und ihre Rechte einfordern würden? Die „General Assembly“ und der „Sturm auf den Reichstag“ verschaffen ihren Anliegen Gehör und ihrer Ungleichzeitigkeit ein Moment der Gleichzeitigkeit. An die Stelle eines Lokalparlaments tritt ein Globalparlament. Erstmals fordert der globale Dritte Stand seine Rechte ein: Eine Welt, ein Parlament!

Choreographien der Arbeit in Leipzig

Nach dem Gewinn des Münchner Förderpreises für deutschsprachige Dramatik für sein Debüt POLEN IST MEIN ITALIEN, das 2014 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, schrieb Sascha Hargesheimer mit ARCHIV DER ERSCHÖPFUNG einen weiteren Bühnentext, der u.a. am Theater Osnabrück und am Deutschen Theater aufgeführt wurde. Im Anschluß entstand mit DIE EUROPÄISCHE WILDNIS - EINE ODYSSEE ein Auftragswerk für das Schauspiel Frankfurt, das in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen im Frühjahr 2016 uraufgeführt wurde. Nun hat Hargesheimer mit CHOREOGRAPHIEN DER ARBEIT, einem Auftrag des Theaters Leipzig, ein aktuelles Stück vorgelegt, in dem er sich - ausgehend von den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts - der Entwicklung moderner Arbeitswelten zuwendet. Es beginnt inmitten des Siegeszuges des Neoliberalismus, in der Zeit der Entwicklung des Fernsehens zum Massenmedium und zur Manipulationsmaschine, in der Ära der konspirativen Theorien und UFO-Sichtungen, in der Regierungszeit Ronald Reagans. Der damalige gesellschaftspolitische Zustand, der Reagans Wahlerfolg ermöglichte, läßt Parallelen zur heutigen Situation zu. Doch ist es gar nicht primär die große Weltpolitik, die Hargesheimer in seinem neuen Stück in den Blick nimmt: Es ist vielmehr die Biographie einer Randfigur, deren Leben uns auf geheimnisvolle Weise sehr viel Aufschlussreiches über ihre Zeit und über uns erzählen kann. Der Autor begibt sich auf Spurensuche und macht eine angesichts globaler Gleichzeitigkeit und totaler digitaler Verfügbarkeit erstaunliche Neu-Entdeckung. Aber wie erzählt man eine Geschichte? Wie findet man Wahrheit in einer Erzählung? Die Uraufführung am 25. November in Leipzig inszeniert Mirja Biel.

Neuigkeiten
Bach und Rasche in 3sat

In der spannenden Reihe »Wahnsinnswerke« befaßt sich 3sat unter anderem mit Schillers »Räubern«. Prominent zu Wort kommt unsere Autorin Olga Bach, während Ulrich Rasches Räuber-Inszenierung am Residenztheater vorgestellt wird als »das Theaterereignis der Spielzeit 2016/17«. Sehenswert.

Nestroys für Gockel und Rasche

An manches möchte man sich nicht gewöhnen, zum Beispiel: Preisregen. Herzlichen Glückwunsch an zwei unserer Künstler, die nun mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet wurden: Jan-Christoph Gockel für seine Grazer Inszenierung von "Dantons Tod" als Beste Bundesländer Aufführung und Ulrich Rasche für seine Münchner "Räuber" als Beste deutschsprachige Aufführung. 

Ersan Mondtag/Ausstellung im MMK Frankfurt


HR2 über die Arbeit: »Die Ausstellungsstücke sind zum Teil bekannt, aber die Inszenierung von Ersan Mondtag stellt sie in einen komplett neuen und radikalen Zusammenhang. Unsere Kunstkritikerin Stefanie Blumenbecker war restlos begeistert.«

Nationalstraße in Dresden und als Hörspiel beim WDR

Das nennt man einen Erfolg: mit seinem kurzen Roman NATIONALSTRAßE hat der tschechische Autor Jaroslav Rudiš ins Schwarze getroffen. Nach Theaterproduktionen in Prag und Bremen zeigt nun auch das Staatsschauspiel Dresden das Stück (Regie: Mina Salehpour). Fast zeitgleich erfolgte die Ursendung des gleichnamigen Hörspiels beim WDR. 2018 wird der Stoff in einer deutsch-tschechischen Koproduktion verfilmt.

Robert Gernhardt Preis 2017 für Daniela Dröscher

Die WIBank Hessen leistet mit dem Robert Gernhardt Preis einen Beitrag zur Autor(inn)enförderung und unterstützt in diesem Jahr zwei besondere Romanprojekte. Unter den 92 Einsendungen wurde neben Maike Wetzel die Berliner Autorin Daniela Dröscher als Preisträgerin 2017 gekürt. Sie erhalten am 19. September 2017 im Theatersaal des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt den mit je 12 000 Euro dotierten Robert Gernhardt Preis zur Unterstützung ihrer jeweiligen Roman-Projekte. Herzlichen Glückwunsch!

Anne Leppers »Mädchen in Not« ist Stück des Jahres

Für ihr Stück MÄDCHEN IN NOT hat Anne Lepper den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen. Die Frankfurter Neue Presse meint: »Verstörend grotesk kann Leppers Blick hinter die gesellschaftlichen Spiegel sein. SEYMOUR polemisierte Lepper witzig und böse gegen den Perfektionierungswahn der Gesellschaft. In MÄDCHEN IN NOT läßt sie als Seitenhieb auf Populismus, Bürgerwut und Antisemitismus eine ›Gesellschaft der Freunde des Verbrechens‹ auftreten, deren Schlachtruf ›Vergewaltigen, erschießen, ausweisen‹ ist. MÄDCHEN IN NOT, so Jurorin Claudia Bauer, sei ein »dunkler Spiegel«, in dem sich die Welt nicht wiedererkennen könne. Weiterhin beschreibt die Jury den Text als »gleichermaßen komische wie abgründige Dystopie mit diversen intertextuellen Verweisen - etwa auf Ibsens Nora oder Kafkas Schloss«. Gewürdigt wurden auch die Vielschichtigkeit und Formstärke des Textes, der »der reduzierten Struktur eines Märchens folge und dabei große Assoziationsräume und unzählige Möglichkeiten der Umsetzung eröffne«. Anne Lepper sei »eine wirkliche Entdeckung«.