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theater und medien

Melle und ÄNNIE: Heiliger Krieg?

Radio Bremen zeigte sich bei der Uraufführung von Thomas Melles neuem Stück ÄNNE von seiner »ungeheuren Sprachgewalt beeindruckt.« Die tageszeitung ergänzt, ÄNNIE »mache eine Jugend im ›Heiligen Krieg‹ greifbar. Das ist eine beachtliche Leistung.«

Am Theater Bremen wurden bislang mit schöner Regelmäßigkeit Thomas Melles Romane ›Sickster‹ und ›3000 Euro‹ dramatisiert. Nun hat man direkt den Dramatiker Melle beauftragt. Am 24. November inszenierte Nina Mattenklotz die Uraufführung von ÄNNIE.

Die gleichnamige Protagonistin in Melles neuem Stück ist seit ihrem sechzehnten Lebensjahr spurlos verschwunden. Kein Hinweis, mit wem, wohin und warum sie gegangen sein könnte. Eine Figur, wie geschaffen für Mutmaßungen und Verschwörungstheorien. Wurde sie Opfer eines Verbrechens oder mutierte sie zur Täterin? Radikalisierung? Islamisierung? Die Leerstelle, die das junge Mädchen hinterlässt, und die Phantasmen, mit denen diese gefüllt wird, geben Aufschluß über unsere Ängste und Träume, über Werte und Vorstellungen, über soziale Grenzen und Zuschreibungen.

Thomas Melle, der mit seinem aktuellen Buch DIE WELT IM RÜCKEN in diesem Oktober nur knapp den deutschen Buchpreis verpasste, war zuletzt mit seinem Stück BILDER VON UNS für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Er schreibt zudem neue Texte im Auftrag für das Deutsche Theater Berlin und das Theater Bonn.

Politik und Theater: Die schwarze Flotte

Es ist wohl eines der zynischsten Erfolgsmodelle der Gegenwart: Schrottreife Frachter werden mit Menschen vollgestopft, die bis zu 6000 Euro für ihren Transfer von der Türkei bis an die italienische Küste bezahlen. Bis zur menschenverachtenden Havarie vor der europäischen Küste haben die Frachter der „schwarzen Flotte“ bereits zahlreiche Fahrten mit Waffentransporten und Drogenlieferungen hinter sich. Wer hinter den riesigen Frachtschiffen steckt, hat das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECT!V recherchiert – Anne-Kathrin Schulz, Dramaturgin und Autorin am Schauspiel Dortmund, hat auf Grundlage der Ergebnisse einen atemberaubenden Monolog geschrieben und damit die kunstvolle Verbindung von Theater und Journalismus auf eine neue Ebene gehoben. Kay Voges prägt mit DIE SCHWARZE FLOTTE ein neues Format. Das sieht auch die Presse so: » Das ›großartig‹ zu nennen, wäre noch stark untertrieben.« (WAZ). »Was Andreas Beck in diesen zwei Stunden dort abfackelt, das ist mit dem Begriff ›großartig‹ unzureichend beschrieben. Ganz großes Schauspielertheater, aber eben mit extrem wichtigen politischen Inhalten, die mir auch so noch nicht klar waren« (WDR). »Die Zuschauer bekommen Aufklärung über die Wege eines kriminellen Netzwerks, das von syrischen Reedern mit besten Verbindungen zum Assad-Regime betrieben wird. Schauspielchef Kay Voges erfindet mal wieder ein neues Format, das Dokumentarspiel. Die Bühne (von Voges selbst gestaltet) ist eine Nerd-Version von Fausts Studierstube. Mit dem Abend aktiviert Voges Funktionen der Schaubühne neu, die man schon abgesunken glaubte. Lehrtheater, moralischer Appell kommen zeitgemäß daher – und durchaus unterhaltsam.« (Westfälischer Anzeiger). 

»Meisterwerk über Rechtsradikalismus«

In seinem rasant erzählten Roman NATIONALSTRASSE bringt der 1972 geborene Jaroslav Rudiš das Kunststück zuwege, einen Schläger und Säufer fast 150 Seiten lang schwadronieren zu lassen und trotzdem echtes Mitgefühl für ihn zu wecken. »Wie Rudiš das zuwege bringt, im Monster den Menschen zu entdecken«, schreibt die NZZ, »das macht die Lektüre seines Romans, der sich in einer dramatisierten Fassung wohl auch bestens auf der Bühne bewähren würde, so aufregend.« Als Autor, Dramatiker, Publizist und Musiker hat Jaroslav Rudiš zahlreiche tschechische und deutschsprachige Romane, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher verfasst. Die Geschichte Mitteleuropas und die Geister der Vergangenheit sind immer wieder Gegenstand von Rudiš' Werken. Zusammen mit dem Grafiker Jaromír 99 schuf er die erfolgreiche Comictrilogie »Alois Nebel«. Die gleichnamige Filmadaptation feierte große internationale Erfolge, gewann 2012 den Europäischen Filmpreis (Kategorie: Bester Animationsfilm) und lief 2013 in den deutschen Kinos an. Sein bei Luchterhand auf deutsch erschienener Roman NATIONALSTRASSE eignet sich tatsächlich hervorragend für eine bühnenmäßige Umsetzung. Rudiš erzählt von einem brutalen Kneipenschläger, der nur allzu gern mit dem »römischen Gruß« provoziert und sich als letzter Europäer begreift. Ein meisterhafter Einblick in die Untiefen des Rechtsradikalismus' ist Rudiš da gelungen. Das Theater Bremen bringt die Deutschsprachige Erstaufführung am 29. Januar 2017 auf die Bühne.

Hörspiele von Milo Rau, Anne Lepper und Thom Luz

Mit schöner Regelmäßigkeit produzieren die ARD-Sender Hörspiele, die auf Theaterstücken unserer Autorinnen und Autoren basieren. So hat beispielsweise der WDR nun mit MITLEID (die Ursendung fand am 27. November statt) das inzwischen dritte Hörspiel von Milo Rau produziert. Auch HATE RADIO und THE DARK AGES wurden vom Westdeutschen Rundfunk produziert und urgesendet. Ähnlich ist es bei Anne Lepper, die es mittlerweile sogar auf vier WDR-Hörspiele bringt. HUND WOHIN GEHEN WIR, OH IST DAS MORRISSEY und SEYMOUR entstanden in den vergangenen Jahren. Mit DIE RIESENFAUST wird am 15. Dezember das neueste Hörspiel von Anne Lepper gesendet. DIE RIESENFAUST basiert auf dem Stück ENTWURF FÜR EIN TOTALTHEATER, mit dem Lepper zuletzt zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen wurde. Im Zentrum der Geschichte steht die junge Frau Bonnie, die ›alles hat, was man so braucht‹. Aber das hat sie zurückgelassen, samt Mann und Kindern. Denn: sie will mehr als alles - kurz, sie will ans Theater. Nach dem großen theatralen Erfolg der Produktion ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN (nach dem gleichnamigen Buch von Judith Schalansky) - Thom Luz reiste mit seiner Inszenierung zum Theatertreffen Berlin 2015 - ist auch dieser Stoff unter seiner Regie für das Hörspiel realisiert worden. Die nächste Sendung erfolgt am 14. Dezember beim Hessischen Rundfunk.

Neuigkeiten
Operation Data Saugus Rex: Sauter & Studlar

Das interaktive Hörspiel »Operation Data Saugus Rex« von Andreas Sauter und Bernhard Studlar ist die unterhaltsamste Warteschlaufe, in die man geraten kann. Die Maschine Data Saugus Rex wurde geschaffen, um im Netz für Ordnung zu sorgen. Nun ist sie ausser Kontrolle geraten und saugt ungebremst gigantische Datenmengen ein, der globale Crash steht unmittelbar bevor. Nur Agentin Liu kann das Datenmonster noch stoppen. Die Hörerinnen und Hörer steigen mit ihr ins Netz und steuern über die Telefontasten den Verlauf der Geschichte. Auf hoerspieltipps.net heißt es: »Die Drastigkeit des potentiellen Finales, das Erleben in Echtzeit und die speziell für den eingeschränkten Klangumfang eingeschränkten eines Telefons erstellte Produktion, machen ›Operation Data Saugus Rex‹ zu einem herausragenden Hörstück des Jahres.« Ausstrahlungsdatum am Mittwoch, 23.11.2016, 20:03 Uhr, Radio SRF 1.

Ehrung für Björn Bicker

Der Schriftsteller und Dramatiker Björn Bicker erhält für seinen Roman »Was glaubt ihr denn« (Kunstmann, München) den Tukan-Preis 2016 der Stadt München. Der Preis ist mit 6000 Euro dotiert. In der Begründung der Jury heißt es: »'Was glaubt ihr denn' ist ein ebenso außergewöhnliches wie überzeugendes Buch zu dem wohl wichtigsten Thema unserer Zeit: der Auseinandersetzung mit Religionsgemeinschaften und den von ihren Mitgliedern gelebten Wertvorstellungen in einer sogenannten 'postsäkularen Gesellschaft.« ›Was glaubt ihr denn‹ basiert auf dem Theaterstück URBAN PRAYERS.

Saarbrücker Poetikdozentur für Milo Rau

Milo Rau wird für 2017 mit der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik geehrt. »Mit größter Konsequenz spürt Rau in seinen Arbeiten dem weltumspannenden Innenraum des Kapitals, seinen Alpträumen und Hoffnungen, seinen Unter- und Gegenwelten nach«, schreibt die Jury. »Die Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik ehrt mit Rau einen der konsequentesten Denker des Theaters der Gegenwart und einen der wichtigsten Wegweiser für ein Theater, das sich intellektuell wie ästhetisch den Krisen der Gegenwart zu stellen und an der Erarbeitung von Antworten zu beteiligen sucht.«

PeterLicht und das Trump-Zeitalter

PeterLicht stellt sich dem Beginn des Trump-Zeitalters. Und meint: Es wird das Zeitalter des reinen Pop.

»Besser geht es nicht«: Christian Weise in Weimar

Für das Nationaltheater Weimar haben Christian Weise und seine Dramaturgin Beate Seidel eine Theaterfassung nach Viscontis »Rocco und seine Brüder« geschrieben, die am vergangenen Samstag zur Premiere gelangte. In der Radiokritik des MDR heißt es zur Inszenierung von Christian Weise: »Ich bin lange nicht so glücklich aus einem Theater gegangen wie diesmal in Weimar. Viel besser, als Christian Weise das in Szene gesetzt hat, geht es nicht. Ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit. Theater auf dem Höhepunkt seiner Zeit.« Die vollständige Kritik hören Sie hier.

ATLAS bei Prix Europa

Beim »Prix Europa«, einem der renommiertesten Hörspielpreise, hat der ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN den zweiten Platz belegt. Das von Thom Luz geschaffene und inszenierte Hörspiel nach dem Buch von Judith Schalansky durfte sich damit zwar nicht über den Hauptpreis, immerhin aber über eine spezielle Erwähnung der Jury freuen. Produziert haben Schweizer Radio DRS und WDR.

URTEILE: Buch im Unrast-Verlag

Im Rahmen der Publikation URTEILE (Unrast-Verlag, Münster) wird das Buch am 25. Oktober um 18.00 Uhr im Münchner Residenztheater präsentiert. Die Neuerscheinung enthält neben dem Theatertext von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi verschiedene Beiträge zum alltäglichen und strukturellen Rassismus.

Maxi Obexer erhält Geisendörfer-Preis für »Illegale Helfer«

Maxi Obexer gehört in diesem Jahr zu den insgesamt 6 Preisträger(innen) des Robert Geisendörfer Preises (Medienpreis der evangelischen Kirche). Der mit 30.000 EUR dotierte Preis wird in den Kategorien Hörfunk, Fernsehen und Kinderfernsehpreis verliehen. Obexer wird für ihr Hörspiel ILLEGALE HELFER ausgezeichnet (WDR 2015, Regie: Martin Zylka). In der Begründung der Jury heißt es dazu: »Gewissensentscheidungen können auch in einem Rechtsstaat dazu führen, daß der Einzelne mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Das Hörspiel fordert zum Nachdenken darüber auf, was Mitmenschlichkeit ist und welche Konsequenzen sie haben kann. Ein wichtiges Stück zur richtigen Zeit, das grundlegende moralische Fragen aufwirft.« Wir gratulieren!