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theater und medien

Start in die Spielzeit für Sykes, Mondtag und Rau 

Am vorletzten Oktoberwochenende hat die Spielzeit mit Premieren in Graz, Hamburg und Berlin auch für Lily Sykes, Ersan Mondtag und Milo Rau  begonnen.

Lily Sykes ist mit »Nathan der Weise« bereits zum dritten Mal in Folge am Schauspielhaus Graz engagiert. Der Standard schreibt über die Inszenierung: »Lily Sikes inszeniert auf der minimalistischen Bühne mit kühler Größe. Das wirkt zuweilen wie vergangene Moderneästhetik, wie bildgewaltig statische Oper.«

Ebenfalls zum dritten Mal ist Ersan Mondtag ans Thalia Theater zurückgekehrt, um die »Orestie« auf der großen Bühne zu inszenieren. Dazu der NDR: »Die Orestie« endet mit der Gründung der ersten Demokratie - eigentlich ein euphorischer positiver Schluss. Aber Mondtag zweifelt genau das in seiner Inszenierung an. Er zeigt, daß die Spirale der Gewalt aus Schuld, Rache und Sühne zwar überwunden ist und es jetzt eine Demokratie gibt, diese aber zerbrechlich ist und jeden Moment stürzen kann. Es ist ein dreieinhalbstündiger Theaterabend, der provozieren, polarisieren will und nachdenklich macht und auch verstörend wirkt. Das Gute daran: Man kann nach dem Abend lange vor dem Thalia Theater stehen und über den Zustand unserer Demokratie diskutieren.«

Deutschlandfunk attestiert Ursina Lardi in Milo Raus LENIN »große Spielerische Momente und ergreifende Momente des Verfalls«. Auch die nachtkritik beschäftigt sich mit der Leerstelle Lenin: »Ursina Lardi soll Lenin verkörpern, aber sie sieht immer noch aus, wie Ursina Lardi und wirkt in ihrer Heutigkeit wie ein Fremdkörper im historischen Mimikry um sie herum. Lenin bleibt die Leerstelle, weil man eben immer Ursina Lardi und nicht Lenin sieht. Am Garderobenspiegel wird von der Maskenbildnerin inzwischen der Schauspieler Damir Avidic in Stalin verwandelt, der, wie wir wissen, die Leerstelle Lenin in seinem Sinne füllte.«

Kritiker-Umfrage Theater Heute 2017

Die Kritiker-Umfrage von Theater Heute 2017 resümiert beeindruckend, wie erfolgreich die Saison 2016/17 für die von schaefersphilippen vertretenen Künstler*innen war:

Inszenierung des Jahres
1. Platz: FIVE EASY PIECES (Milo Rau/Campo Gent)
3. Platz: »Die Räuber« (Ulrich Rasche/Residenztheater München)

Bestes Stück
2. Platz: MÄDCHEN IN NOT von Anne Lepper

Bestes Bühnenbild
1. Platz: Ulrich Rasche »Die Räuber« (Residenztheater München)

Beste Dramaturgie
1. Platz: Stefan Bläske bei FIVE EASY PIECES

Bestes Kostümbild
1. Platz: Ersan Mondtag bei DIE VERNICHTUNG (Konzert Theater Bern)

Beste Nachwuchsautorin
1. Platz: Olga Bach für DIE VERNICHTUNG (Konzert Theater Bern)

Beste Nachwuchsregisseurin
1. Platz: Nora Abdel-Maksoud bei THE MAKING OF (Maxim Gorki Theater Berlin)

Herzlichen Glückwunsch!

Milo Rau gründet das erste Weltparlament

Gerade wurde das deutsche Parlament gewählt. Aber nicht einmal ein Bruchteil der von der deutschen Politik Betroffenen sind im Bundestag vertreten. Auch im Zeitalter von Massenmigration und Klimawandel wird globale Politik von nationalen Lobbys gemacht – und überall dort verhindert, wo sie deren Interessen zuwiderläuft. Indem die AfD zur dritten politischen Kraft in Deutschland geworden ist, wurden die nationalen Kräfte im Bundestag sogar noch einmal klar gestärkt. Ein nationales Parlament, das seine Interessen global durchsetzt, ist kein Ort der Demokratie, sondern ein Ort der Ausbeutung. Vom 3. – 5. November 2017 versammelt die „General Assembly“ 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt in der Bundeshauptstadt, um das neu gewählte deutsche Parlament herauszufordern – repräsentativ für alle Akteurinnen und Akteure, welcher Art auch immer, die von der deutschen Politik betroffen sind, jedoch im Bundesparlament kein politisches Mitspracherecht haben. Das erste Weltparlament der Menschheitsgeschichte, begleitet von einer Gruppe internationaler politischer Beobachter, gipfelt in der Verabschiedung der „Charta für das 21. Jahrhundert“ und dem „Sturm auf den Reichstag“ am 7. November, genau 100 Jahre nach dem „Sturm auf den Winterpalast“. Kriegsopfer, Arbeitsmigrant/innen, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, die Opfer des sich anbahnenden Ökozids, die Kinder, die Ungeborenen und die Toten der Kolonialgeschichte – sie alle haben kein Mitspracherecht unter der Kuppel des Reichstags. Was wäre aber, wenn alle, deren Leben vom deutschen Bundestag bestimmt ist, sich versammeln und ihre Rechte einfordern würden? Die „General Assembly“ und der „Sturm auf den Reichstag“ verschaffen ihren Anliegen Gehör und ihrer Ungleichzeitigkeit ein Moment der Gleichzeitigkeit. An die Stelle eines Lokalparlaments tritt ein Globalparlament. Erstmals fordert der globale Dritte Stand seine Rechte ein: Eine Welt, ein Parlament!

Maxi Obexer: Europas längster Sommer

Eine der wichtigen politischen und literarischen Veröffentlichungen dieses Buchsommers ist Maxi Obexers Roman EUROPAS LÄNGSTER SOMMER (erschienen im Verbrecher Verlag, Berlin). Der Text wurde für den diesjährigen Bachmannpreis nominiert und kann gewissermaßen als vorläufiger literarischer Höhepunkt der Arbeit Obexers verstanden werden, die sich bereits seit vielen Jahren mit den Themen Europa und Migration auseinandersetzt. EUROPAS LÄNGSTER SOMMER beginnt für Maxi Obexer auf einer Zugfahrt von Italien nach Deutschland mit dem Ziel, in Berlin ihren deutschen Pass in Empfang zu nehmen. Auf dieser Fahrt nun kehren die Jahre ihres Einwanderns zurück, die Zeiten des Übergangs vom Fremden ins Vertraute, Menschen und Momente die aufblitzen und erkennen lassen, was da alles in sie eingewandert ist. Kurz vor der italienisch-österreichischen Grenze steigen sechs junge Männer dazu; sie könnten auch Jugendliche sein auf dem Weg zum Fußball. Sie sind es nicht. Doch was trennt diejenigen, die nach Europa einwandern, von denen, die es innerhalb Europas tun? Was bedeutet es zu gehen – und was heißt ankommen? Die FAZ findet, daß Obexer »die sprachliche Ausgangssituation des Buches gekonnt nutzt, um eine Art deutsch-deutsche Einwanderungsgeschichte entstehen zu lassen, deren Symbolik tiefgreifenden Wert hat. Es werden grundlegende Fragen zur Krise der europäischen Identität aufgeworfen, die Obexer auch durch ihre eigene Vita kennt und in bemerkenswerter Manier daran zu erläutern versucht. Doch woran macht sich Zugehörigkeit fest? An einem dialektfreien Hochdeutsch etwa? Oder am richtigen Personalausweis? Hier werden Fragen der Heimat, der modernen Identität aufgeworfen. Und diese müssen – so Obexer, nach dem schicksalhaften Sommer 2015 neu gedacht werden. Die „Festung Europa“ und der latente Nationalismus schienen in diesen Tagen überwunden. Doch wie viel ist davon heute noch übrig – im Europa von Kurz, Orbán und Kaczyinsky? ein gelungener, relevanter Text.«

Neuigkeiten
Nestroy-Nominierungen 2017

Wir freuen uns über folgende Nominierungen zum Nestroy-Preis 2017: In der Kategorie »beste Off-Produktion« wurde die Österreichische Erstaufführung von Matias Faldbakkens MACHT UND REBEL (Inszenierung Ali M. Abdullah, Werk X) nominiert. Erneut dabei ist auch Jan-Christoph Gockel, diesmal mit seiner Grazer Produktion »Der Auftrag: Dantons Tod« (»Beste Bundesländer-Produktion«). Als eine der »besten deutschsprachigen Aufführungen« wurde zudem Ulrich Rasches »Räuber«-Inszenierung (Residenztheater München) nominiert.

Ersan Mondtag/Ausstellung im MMK Frankfurt


HR2 über die Arbeit: »Die Ausstellungsstücke sind zum Teil bekannt, aber die Inszenierung von Ersan Mondtag stellt sie in einen komplett neuen und radikalen Zusammenhang. Unsere Kunstkritikerin Stefanie Blumenbecker war restlos begeistert.«

Nationalstraße in Dresden und als Hörspiel beim WDR

Das nennt man einen Erfolg: mit seinem kurzen Roman NATIONALSTRAßE hat der tschechische Autor Jaroslav Rudiš ins Schwarze getroffen. Nach Theaterproduktionen in Prag und Bremen zeigt nun auch das Staatsschauspiel Dresden das Stück (Regie: Mina Salehpour). Fast zeitgleich erfolgte die Ursendung des gleichnamigen Hörspiels beim WDR. 2018 wird der Stoff in einer deutsch-tschechischen Koproduktion verfilmt.

Die Premieren im Oktober

Nach dem großen Erfolg im Bochum nimmt Anselm Weber Jan-Christoph Gockels Inszenierung »Die Verwandlung« mit nach Frankfurt. Die Wiederaufnahme ist dort ab dem 7.10.17 erstmals für das Frankfurter Publikum zu sehen. BILDER VON UNS, mit dem Thomas Melle 2016 nach Mülheim eingeladen wurde, wird ab dem 13.10.17 am Theater Wuppertal gezeigt. Marco Štorman setzt seine kontinuierliche Arbeit an der Oper Bremen mit einer Inszenierung von »Candide« fort (14.10.), während Gordon Kämmerer am gleichen Tag mit seinem Beitrag zur Serie »Hannover - Eine Stadt eill nach oben« rauskommt. Milo Rau holt ab dem 19.10. an der Berliner Schaubühne mit LENIN zum ganz großen Schlag aus, kurz danach gründet er in Berlin das erste Weltparlament (3.-5.11.17). Thorleifur Arnarsson reüssiert mit »Gott schütze Island« am Stadttheater in Reykjavik (20.10.), während Lily Sykes mit »Nathan der Weise« in Graz und Roscha Säidow mit »Meet me in Moskau« am Puppentheater in Magdeburg ihre aktuellen Produktionen vorstellen. Ersan Mondtag, begleitet von seiner Bühnenbildnerin Paula Wellmann und dem Komponisten Max Andrzejewsky, inszeniert am Thalia Theater die »Orestie« (21.10.17). Thom Luz zeigt sodann am 26.10. seine Version von »Leonce und Lena« am Theater Basel. 

Robert Gernhardt Preis 2017 für Daniela Dröscher

Die WIBank Hessen leistet mit dem Robert Gernhardt Preis einen Beitrag zur Autor(inn)enförderung und unterstützt in diesem Jahr zwei besondere Romanprojekte. Unter den 92 Einsendungen wurde neben Maike Wetzel die Berliner Autorin Daniela Dröscher als Preisträgerin 2017 gekürt. Sie erhalten am 19. September 2017 im Theatersaal des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt den mit je 12 000 Euro dotierten Robert Gernhardt Preis zur Unterstützung ihrer jeweiligen Roman-Projekte. Herzlichen Glückwunsch!

Anne Leppers »Mädchen in Not« ist Stück des Jahres

Für ihr Stück MÄDCHEN IN NOT hat Anne Lepper den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen. Die Frankfurter Neue Presse meint: »Verstörend grotesk kann Leppers Blick hinter die gesellschaftlichen Spiegel sein. SEYMOUR polemisierte Lepper witzig und böse gegen den Perfektionierungswahn der Gesellschaft. In MÄDCHEN IN NOT läßt sie als Seitenhieb auf Populismus, Bürgerwut und Antisemitismus eine ›Gesellschaft der Freunde des Verbrechens‹ auftreten, deren Schlachtruf ›Vergewaltigen, erschießen, ausweisen‹ ist. MÄDCHEN IN NOT, so Jurorin Claudia Bauer, sei ein »dunkler Spiegel«, in dem sich die Welt nicht wiedererkennen könne. Weiterhin beschreibt die Jury den Text als »gleichermaßen komische wie abgründige Dystopie mit diversen intertextuellen Verweisen - etwa auf Ibsens Nora oder Kafkas Schloss«. Gewürdigt wurden auch die Vielschichtigkeit und Formstärke des Textes, der »der reduzierten Struktur eines Märchens folge und dabei große Assoziationsräume und unzählige Möglichkeiten der Umsetzung eröffne«. Anne Lepper sei »eine wirkliche Entdeckung«.