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theater und medien

Anne Lepper ist Dramatikerin des Jahres

Anne Lepper wird für ihr Stück MÄDCHEN IN NOT (Inszenierung des Nationaltheaters Mannheim, Regie: Dominic Friedel) mit dem mit 15.000 EUR dotierten Mülheimer Dramatikerpreis 2017 ausgezeichnet. Wir gratulieren sehr herzlich!

Sie setzte sich in der Finalrunde der öffentlichen Jury-Diskussion eindeutig und mit 4:1 Stimmen gegen Elfriede Jelinek durch. Lepper, die zum zweiten Mal in Mülheim nominiert war (KÄTHE HERMANN, 2012) und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde, gehört längst zu den wichtigsten Stückeschreibern in Deutschland.

Die Frankfurter Neue Presse meint: »Verstörend grotesk kann Leppers Blick hinter die gesellschaftlichen Spiegel sein. In SEYMOUR polemisierte Lepper witzig und böse gegen den Perfektionierungswahn der Gesellschaft. In MÄDCHEN IN NOT läßt sie als Seitenhieb auf Populismus, Bürgerwut und Antisemitismus eine ›Gesellschaft der Freunde des Verbrechens‹ auftreten, deren Schlachtruf ›Vergewaltigen, erschießen, ausweisen‹ ist.

MÄDCHEN IN NOT, so Jurorin Claudia Bauer, sei ein »dunkler Spiegel«, in dem sich die Welt nicht wiedererkennen könne. Weiterhin beschreibt die Jury den Text als »gleichermaßen komische wie abgründige Dystopie mit diversen intertextuellen Verweisen - etwa auf Ibsens Nora oder Kafkas Schloss«.

Gewürdigt wurden auch die Vielschichtigkeit und Formstärke des Textes, der »der reduzierten Struktur eines Märchens folge und dabei große Assoziationsräume und unzählige Möglichkeiten der Umsetzung eröffne«. Anne Lepper sei »eine wirkliche Entdeckung«.

Wir deuten dieses erfreuliche Jury-Urteil auch als Aufruf für hoffentlich vielzählige Nachspiele, die - neben Preisen wie diesem - nach wie vor die eigentliche und einzige Existenzgrundlage für die Arbeit zeitgenössischer Dramatikerinnen und Dramatiker bilden.

Peter-Weiss-Preis 2017 geht an Milo Rau

Seit 1990 wird der Peter-Weiss-Preis alle zwei Jahre an eine Persönlichkeit aus einer der Sparten Literatur, Theater, bildende Kunst und Film vergeben. Der Preis ist mit 15.000 € dotiert. Die Verleihung des Preises in der Sparte Theater erfolgt 2017 zum vierten Mal. Die vorherigen Preisträger in dieser Sparte waren George Tabori (1990), Kurt Hübner (2000) und zuletzt Dimiter Gotscheff (2008). Die 14-köpfige Jury zur Vergabe des Kulturpreises unter dem Vorsitz von Stadtdirektor Michael Townsend hat den Schweizer »Real-Theater-Macher« Milo Raugekürt. Sie würdigt damit sein »globalhumanistisches Engagement und seine dezidiert politischen Inszenierungen, die als aufrüttelnd-provokante Zumutungen auch im Sinne von Peter Weiss‘ ›Ästhetik des Widerstandes‹ begriffen werden können.« Die Arbeiten Milo Raus zeichnen sich durch ihre »akribisch recherchierten Stoffe aus, sie zeugen von einer zutiefst humanistischen Haltung«, so der Juryvorsitzende Michael Townsend. Im Wortlaut der Jury zur Verleihung des Peter-Weiss-Preises an Milo Rau heißt es: »Einstimmig verleiht die Jury den Peter-Weiss-Preis 2017 an den Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau, Gründer der Theater- und Filmproduktionsgesellschaft International Institute of Political Murder (IIPM), die seit 2007 politische und soziale Konflikte analysiert. Milo Rau hat den Begriff des dokumentarischen Theaters mit neuem Leben erfüllt und es mit seinen Arbeiten wissenschaftlich genau und künstlerisch inspiriert weiter entwickelt. Dabei wähnt er weder sein Publikum noch sich selbst auf der sicheren Seite, sondern stellt stets sämtliche Standpunkte argumentativ zur Disposition. Er vertraut damit dem Theater als demokratischer Ort gelebter Debatten und Diskurse.«

Obexer Bachmann-Text bei Verbrecher

Maxi Obexer, 1970 in Brixen geboren, ist freischaffende Autorin von Theaterstücken, Hörspielen, Essays, Erzählungen und Reportagen. Für ihr Stück ILLEGALE HELFER, das im Sommer 2016 uraufgeführt wurde, erhielt sie den Robert Geisendörfer Preis und den Eurodram-Preis. Auch das Hans-Otto-Theater in Potsdam setzte das Stück auf den Spielplan und beauftragte Obexer zudem, für die laufende Spielzeit unter dem Titel GEHEN UND BLEIBEN ein Stück mit und über Geflüchtete zu schreiben. Nun wurde Obexer von Meike Feßmann zum Bachmann-Preis 2017 eingeladen. In ihrem Werk beschäftigt Maxi Obexer sich auf vielseitige und ungewohnte Weise mit der Bedeutung Europas und dem Ein- und Auswandern von Menschen. Ihr erster Roman »Wenn gefährliche Hunde lachen« erschien 2011. Die Süddeutsche Zeitung meinte: »Obexer schreibt auf unaufdringliche Weise packend.« m Herbst 2017 erscheint ihr neuer Roman »Europas längster Sommer« im Verbrecher Verlag, Berlin. Maxi Obexer reist in der Zeit der großen Flüchtlingsbewegungen, also dem »längsten Sommer«, wie diese Zeit vielfach genannt wurde, aus Südtirol in ihren Wohnort Berlin, um endlich ihren deutschen Pass zu erhalten. Sie merkt wieder: Auch sie ist eine Migrantin, innerhalb Europas, und sie war und sie wird immer eine Migrantin bleiben. Gleichzeitig beobachtet sie Flüchtlinge im Zug, die nicht so einfach die Grenzen passieren dürfen. Diese Beobachtung bietet ihr einen Anlaß dazu, in ihrem eigenen Leben sowie in Geschichten, die sie recherchiert hat, über den Zusammenhang von Nationalität und »Daseindürfen« zu reflektieren. »Europas längster Sommer« erscheint im August 2017 im Berliner Verbrecher Verlag.

Christopher Rüping begeistert mit Miranda July

Christopher Rüping, seit Anbeginn der Intendanz von Matthias Lilienthal Haus-Regisseur an den Münchner Kammerspielen, hat in dieser Spielzeit bereits mit einer bemerkenswerten »Hamlet«-Inszenierung reüssiert. Nun durfte man gespannt sein, wie er Miranda Julys irrwitzigen, depressiven und zugleich hochkomischen Kurz-Roman »Der erste fiese Typ« bühnenmäßig uraufführt. Willibald Spatz berichtet auf nachtkritik begeistert vom Premierenabend: »Es ist ein großes Theaterglück, daß es Christopher Rüping und den Münchner Kammerspielen doch gelungen ist, von Miranda July die Erlaubnis für eine Dramatisierung zu bekommen, und ein noch größeres Glück ist die Besetzung der beiden Protagonistinnen. Miranda July erzählt in ihren Werken von äußerst problematischen Beziehungen und Persönlichkeiten, doch dabei scheint eine entwaffnende Menschenfreundlichkeit durch, gegen die nur wirklich böse Leute etwas haben können. Und genau diesen Charme einzufangen, gelingt Christopher Rüping und seinen zwei großartigen Schauspielerinnen mit Hilfe stilvoll eingesetzter Effekte und Musik. Man geht tatsächlich als ein wenig glücklicherer Mensch nach Hause, nachdem ganz zum Schluss die beiden zu Brandy Butlers "Rocket Girls" nach oben entschwebt sind und ihnen ein Astronaut von unten zugewinkt hat.« Patrick Bahners schwärmt für die FAZ: »Durch und durch konstruiert, mit den einfachsten Mitteln und großer Schauspielkunst: ›Der erste fiese Typ‹ zeigt in München, was ein Roman im Theater verloren hat.« Rüping setzt auch in 2017/8 seine Münchner Arbeit fort; zudem kehrt er mit Inszenierungen ans Thalia Theater Hamburg und ans Deutsche Theater Berlin zurück.

Neuigkeiten
PeterLicht erhält Liliencron-Dozentur

PeterLicht ist mit der Kieler Liliencron-Dozentur ausgezeichnet worden, die jedes Jahr von der Kieler Universität und vom Kieler Literaturhaus einer Lyrikerin oder einem Lyriker für deren literarische Verdienste zugesprochen wird. Im Rahmen der Dozentur wird PeterLicht Anfang 2018 unter anderem eine Werklesung und eine Poetiklesung in Kiel halten.

PeterLicht bei der Biennale in Venedig

PeterLichts Komödie DER MENSCHENFEIND nach Molière (Inszenierung von Claudia Bauer) - die am 14. April 2016 im Schauspielhaus als Auftragswerk des Theater Basel zur Uraufführung kam - ist zum 45. Festival Internazionale di Teatro der Biennale di Venezia eingeladen, das vom 25. Juli bis 12. August 2017 unter der künstlerischen Leitung von Antonio Latella stattfindet. Das Gastspiel in Venedig findet am Mittwoch, den 9. August 2017 im Teatro Piccolo Arsenale statt.

Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Boris Nikitin

Der mit 10.000 Euro dotierte Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena 2017 geht an Boris Nikitin. Im Zentrum des Jenaer Dramatikpreises steht in diesem Jahr ein postdramatischer Autorenbegriff. So erfolgte die Preisvergabe erstmals direkt, und das Preisgeld wurde mit der Aufgabe zur Entwicklung eines besonderen oder neuartigen Veranstaltungsformates verknüpft. In der Arbeit „Martin-Luther-Propagandasymposium“, das nun vom 16. bis 18. Juni 2017 in Jena stattfindet, kann man in exemplarischer Form das Denken Boris Nikitins auf der Bühne erleben. Kritisch-diskursiv und künstlerisch setzt sich der Theatermann mit den Themen Glaube, Religion, Propaganda und Wirklichkeit und Fiktion auseinander. In der Laudatio von Nikolas Müller-Schöll heißt es: »Es sind die verborgenen Möglichkeiten, eine Potentialität, die im Raum des Möglichen verbleibt, um derentwillen Nikitin seine Versuchsanordnungen aufbaut. Sein Theater lädt uns ein, im Bestehenden über das Bestehende wie seine Negation hinaus über das nachzudenken, was kommen mag: Anders als wir es erwarten, kritisch in jedem Sinne, ohne Grund, mag sein linkisch, in jedem Fall jenseits des Bekannten.«

Mondkreisläufer von Jürg Halter ab Oktober als Hardcover

Jürg Halter hat MONDKREISLÄUFER ursprünglich als Theaterstück geschrieben, die Uraufführungsinszenierung des Theaters Bern gastiert am 18. und 19. Juni im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin. Jetzt hat Halter den Theatertext weiterentwickelt und in eine schillernde Prosaskulptur verwandelt (ab Oktober als Hardcover beim Gesunden Menschenversand, Luzern). Im Grenzgebiet zwischen Vernunft und Wahnsinn setzt Halter einen namenlosen Protagonisten aus uns schickt ihn auf die Suche nach einer ersehnten Mutter, die sich auf dem Mond befinden soll. Die Neue Zürcher Zeitung kommentierte die Berner Uraufführung: »Der Text glänzt mit poetischen Sequenzen, provoziert mit beißender Kritik und irritiert mit Aberwitz. Sätze purzeln heraus, an denen man sich festhaken möchte.« 

Video von Ersan Mondtag für HÜTTE

Grandioses Musikvideo zu einem Song von Max Andrzejewskis HÜTTE, Regie: Ersan Mondtag.

Milo Rau neuer Künstlerischer Direktor des Nationaltheaters Gent

Wie das Nationaltheater Gent heute Vormittag im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt gab, übernimmt der Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau ab der Saison 2018/19 die Direktion des NT Gent. Milo Rau folgt als künstlerischer Direktor auf den niederländischen Regisseur Johan Simons, mit ihm im Leitungsteam sind Stefan Bläske, der feste Dramaturg des IIPM, sowie Steven Heene, künstlerischer Koordinator des NTGent.